Verfeinerter Trieb

Nach dem Aufstieg erfolgt der Abstieg, so lautet das Gipfelgesetz. Oben sind die Aussicht zu genießen und der Stolz, es geschafft zu haben. Man trägt sich ins Gipfelbuch ein, für die Nachwelt vermutlich. Einmal war ich hoch oben über allem. Dort läßt sich nicht wohnen, kaum leben. Warum klettert man überhaupt hinauf? Nicht jeder kennt das Verlangen, Außergewöhnliches zu veranstalten. Viele bleiben lieber unten, brauchen sich nicht zu beweisen, beschränken sich auf ihren Bezirk. Ich war ein Kletterkind, ich mußte es tun. Hoch auf die Bäume, hoch und am liebsten noch höher, so daß alle erschraken. Später ein paar Gipfel in den Alpen, am unheimlichsten war die Grabspitze. Ein langer schmaler Grat, links und rechts die Tiefe. Mich schwindelt, wenn ich heute daran denke. Die Selbstbeweise waren nötig, sind es heute nicht mehr so sehr. Es gilt, an die Grenzen zu gelangen und sie zu überwinden. Sonst weiß man nicht, wer man ist. Darin steckt auch Angeberei, eine Lust sich zu messen, der Selbstgenuß. Solange es nicht zwanghaft wird, erkenne ich darin nichts Schlimmes. Vielleicht müssen Menschen kämpfen, ehe sie den Frieden verstehen. Das klingt nicht optimistisch, und auf eine leise Weise doch.


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