Hier geht es zu wie alle Tage. Mal fließt es, mal stockt es. Manchmal ist es schön, anderentags eher übel. Gedankenschwer oder gefühlvoll, fast schon sentimental (rührselig). Ereignisse, Szenen, Beobachtungen. Manchmal auch Erinnerungen, die angeflogen kommen und landen können, da ich hier still sitze und lediglich registriere, wie mein Bewußtsein arbeitet und womit es arbeitet. Die Sonne scheint, und am blauen Himmel ziehen wattige Wolken nach Nordwest. Die Rosenzweige, die ein zweites Mal Blüten tragen, bewegen sich im Wind. Es wird herbstlich. Die Blütenköpfe sind nach oben gestreckt, der Sonne entgegen, nur die alten und schweren hängen zu Boden. Die Wäscheständer sind ausgeklappt und leer. Wie Antennen, denke ich erneut.
Dieser Tag ist ein Sonntag, und morgen ist der Tag der Einheit. Kaum jemand geht feiern, bis auf jene, die feiern gehen müssen und dafür gewählt und bezahlt werden. Es ist ganz falsch und nahezu unmöglich, einen Verwaltungsakt zu feiern. Das Herz bleibt kalt. Am 9. November geschah das, was bis heute berührt. Der 3. Oktober gehört den Politikern und den Juristen, der 9. November dem Volk. Genug gesehen, Vorhang zu. Damals ergab es einen guten Sinn, wenn die DDR-Bürger auf die Straße gingen und riefen, sie seien das Volk. Denn sie hatten geschätzte zwei Drittel der Bevölkerung hinter sich. Wenn das derzeit wieder gerufen wird, diesmal von den entschlossen Angstbereiten, bleibt es bloße Behauptung und entspricht einem Minderheitenvotum.
„Wir sind das Volk!“ – Das hatte ich befürchtet, doch ich wußte nicht, daß es so schlimm steht.
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