Das zeichnet eine Sache aus – daß man etwas in sie hineindichten kann. Zum Beispiel der Mond, seit Tausenden von Jahren. Niemals läßt er die Lebenden in Ruhe. Stets sprechen sie ihm etwas zu, als könne er handeln und fühlen, als könne er mehr als bloß sein. Er ist der stille Gefährte der Nacht und Zeuge dessen, was heimlich geschieht. Mir sieht er beim Schreiben zu, denn in meinem Vorhang ist ein Schlitz, den hat die Katze hineingerissen, als sie das Klettern übte und sich mit ihren Krallen verfing. Durch diesen Schlitz betrachte ich den kalten, fernen Mond, der sich umwölkt wie ein Geheimnis und nicht nah erscheint, auch wenn sie das ausgemessen haben. Es gibt Dinge und Wesen, in die nichts hineingedichtet werden kann. Doch ich stutze: Ist es so? Gibt es Wesen ohne Geschichte und ohne Geschichten? Sie geben sich vielleicht oberflächlich und flächig, wie dargeboten für einen einzigen Blick. Doch auch sie, Wesen oder Dinge, müssen etwas an sich haben, das hineinführt in ein Anderes und Größeres. Sonst gäbe es sie ja gar nicht. Weit entfernt vom Mond diese Überlegungen. Ich denke an die Laterne ohne Bügel und Glas, ohne Licht und Stromanschluß. Sie steht in der Weisestraße in Neukölln schräg vor der Hausnummer 65: ein drei Meter hoher Schaft, aus dem Pflaster gewachsen wie ein Blütenstab. Wie eingepflanzt und nicht gegossen. Um den Schaft sind Pflastersteine angehäuft, geradewegs wie bei einem Setzling, um ihm Halt zu geben. Das wirkt so traurig und wahr wie die Szene aus Opfer, dem Tarkowski-Film, in der sie ein Stück Holz in den Boden pflanzen und dieses Stück Holz, unaussprechliches Wunder, Wurzeln treibt und Blätter trägt. Wozu Pflastersteine anhäufen um den toten Metallschaft einer Berliner Straßenlaterne im Jahr 2016, nach der Elektrifizierung der historischen Gaslaternen? Sie steht dort seit Tagen so, alle anderen Laternen leuchten und sind froh. Hätte man nicht die Steine angehäuft, wäre alles in Ordnung.
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