Das Regime der Angst 4

Der Baum ist ein Stamm vom Umfang eines Elefantenbeins, das sich in einer Höhe von etwa drei Metern entscheidet, seine Wuchsrichtung zu ändern. Als diese Entscheidung fiel – wer immer sie traf –, gab der Baum, der sicher seine fünfzig Jahre an vorgegebenem Platz steht und ausharrt, seine langsame Reise ins Licht scheinbar auf und orientierte sich horizontal, und zwar derart radikal, daß der Stamm in jener Höhe um neunzig Grad einknickt. Als sei dies nicht genug, ändert sich die Wuchsrichtung nach einem halben Meter Stamm erneut, wieder um nahezu neunzig Grad: nicht nach oben, sondern zur Seite, Richtung Südwesten. Diese Richtung behält er bei und streckt sich für die Länge von zwei Metern, um endlich doch noch nach oben zu wollen. Nach oben, wo es hell und licht und warm zu sein scheint für einen wie ihn. An einigen Stellen haben die Trupps vom Grünflächenamt mit ihren Vorstellungen und ihrem Sägen nachgeholfen. Dennoch läßt sich die verwinkelte Gestalt dieses Baumes nicht vollständig durch solche Eingriffe erklären. Daß er nicht gefällt wurde, grenzt an ein Wunder, ist eine Erstaunlichkeit. Als ich in seiner Nähe lebte, habe ich ihn nicht bemerkt. Dabei wußte ich, daß mich verkrüppelte Bäume anziehen. Als lerne ich Entscheidendes durch sie erst, oder über sie besser. Was das Entscheidende ist, klärt sich meist erst später. Daß ich das jetzt schon weiß, ist gut.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Das Regime der Angst 4

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert