Interviews mit Bruce Springsteen, der seine Autobiographie BORN TO RUN verkaufen möchte, auch in Deutschland. Viele sind erstaunt oder zeigen sich verwundert, daß ausgerechnet er, den sie The Boss nennen und der alles unter Kontrolle zu haben scheint, unter Depressionen litt und leidet. Keine Drogenexzesse, kaum Frauengeschichten und spätestens seit jenem Lied, das alle kennen, ein gemachter Mann. Jene, die sich erstaunt zeigen oder verwundert, sind naiv oder geben vor es zu sein, für uns: die Leser, die sie für naiv genug halten, davon auszugehen, daß jemand nicht unglücklich sein kann, der es geschafft hat, auf die andere Seite überzuwechseln, wo die Erfolgreichen sorgenfrei ihr Leben gestalten. Dabei widerspricht nahezu alles dieser Annahme. Niemals hat es ein lebendiger Mensch geschafft, endgültig und wunschlos glücklich zu sein. Zum Glück, denn sonst wäre er auf der Stelle tot. Doch Illusionen sind wichtig, sie treiben an. Vor mehr als zehn Jahren besuchte eine Frau einen afrikanischen Arzt. Er residierte mit seiner Praxis in einer Wohnung in der Flughafenstraße (er residiert dort schon lange nicht mehr). Die Frau sagte: Ich bin depressiv. Der afrikanische Arzt sprach mit ihr und fragte schließlich, ob sie denn nicht wisse, daß es sich bei diesem Leiden um „die Künstlerkrankheit“ handelt. – Das eine geht nicht ohne das andere. Sie ist der zu entrichtende Preis. Ein ’normaler‘ Vincent van Gogh wäre Kaufmann geworden und hätte mit Farben und Leinwänden gehandelt und Staffeleien vermietet. Wir möchten unsere Helden der Kunst glücklich und zufrieden sehen, als seien sie brave und biedere Leute von nebenan, die ein Leben führen wie andere auch. Sie müßten doch lediglich dieses tun und jenes lassen. Dabei kämpfen sie mit Dämonen, die deutlich größer und heimtückischer sind als die gewöhnlichen. Und wie soll es einem Mann ergehen, der seit nunmehr dreißig Jahren hört, daß er der Größte ist, nahezu? Eigentlich ist er reif für die Psychiatrie oder einen letzten Schuß. Aber Springsteen macht weiter und schreibt ein Buch über sich und seine eigenartige Situation als „rich man in a poor man’s shirt“. Forbes fragt: „Is Bruce Springsteen a hypocrite?“ Mit einem solchen Blödsinn muß man sich herumschlagen, kaum verläßt man Dachkammer oder Kellerzimmer. Ein Künstler soll arm und unglücklich sein, sonst beginnt er zu lügen. Ist er reich und erfolgreich, soll er glücklich und verlogen sein. Dies entspricht offenbar dem gängigen Bild, denn sämtliche Interviewer betonen, wie sympathisch und geerdet der Superstar wirke, wie spontan und herzlich er zu antworten verstehe. Als schließe sich irgendetwas aus, als könne nicht Ehrlichkeit die beste Maske sein, die je erfunden wurde.
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