Mitte der achtziger Jahre, spätestens, war in Westdeutschland ein Wohlstandsniveau erreicht, daß es schwer fiel, jemandem, der Geburtstag hatte, oder einem Paar, das sein Ehejubiläum beging, etwas zu schenken. Egal, was man schenken wollte – sie besaßen es bereits. Töpfe, Übertöpfe, Untertöpfe. Brat- oder Kochapparaturen. Teller, Unterteller, Überteller, Wandteller. Alles da. Der tönerne Zwerg mit den Löchern in der Seite, dort wo seine lustigen Zwergenhände angedeutet oder ausgeformt waren, landete kurzerhand auf den Fliesen und zerschellte. In den Löchern steckten Kochlöffel aus Holz – die immerhin brauchbar. Aber der Zwerg war so groß wie ein Dackel, und niemand bei Sinnen stellt sich einen Dackel neben den Toaster auf die Arbeitsfläche seiner sündhaft teuren Einbauküche. Der Zwerg grinste dreist, und erst jetzt verstehe ich dieses Grinsen. Was gab es noch? Die Bewegungsmelder tauchten auf und verrieten, wenn sich etwas bewegte. Rauchmelder wurden installiert, um anzuzeigen, wenn es rauchte. Garagentore öffneten sich auf Knopfdruck. In der Garage standen die Kärcher, um Fliesen und Wände porentief zu reinigen. Auch Männer besprengten sich nun mit Parfum und achteten auf ihre sexy Unterwäsche. Zum bestandenen Abitur (Reifeprüfung) gab es einen VW Golf. Dann krachte Ostdeutschland ins Gehege und man hatte eineinhalb Jahrzehnte Gesprächsstoff. Als der ausging, kamen andere Leute. Über die reden wir jetzt. Bald ist Krieg, dann gibt es neuen Stoff. Bis dahin versuchen wir, unsere Würde nicht ganz zu verlieren zwischen all diesen Produkten, die unser Leben so fett und frivol machen wie ein Einkaufszentrum mit Weihnachtssternen, Weihnachtsmännern und Weihnachtsliedern. Wir haben uns ausmünzen lassen.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.