Diese Geschichte der zwei Ortsteile von Mut. Mut liegt an der Tapfer, die übrigens in die Stark fließt. In Übermut dreht sich alles um das muntere Gelingen, in Untermut führen die Bewohner ein Leben des erduldeten Verzichts. Die Ortsteile könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Übermütigen sind Enthusiasten des Beginnens – weniger allerdings solche des Durchhaltens und Zuendebringens. In Übermut stehen ein paar Investitionsruinen, die einst das ganze Land beschäftigt haben. Ehe Gras über die Sache gewachsen ist und Birkengrün aus den Rohbauten sproß. Die Bewohner nehmen diese kleinen Mißerfolge der Vergangenheit auf die leichte Schulter. Dermaleinst werden sie abgerissen oder es wird weitergebaut. Wer kann das wissen? Das Leben ist zu schön, um es sich durch vereinzelte Fehlschläge vergällen zu lassen.
In Untermut betrachtet man die Eskapaden der Oberstadt mit Argwohn. Unverhohlener Neid blitzt auf, wenn man einen Untermütigen auf die teuren Streiche der Übermütigen anspricht. Andererseits empfindet man in der Unterstadt auch Mitleid mit denen da oben. Man hätte sie warnen, wenigstens beraten sollen. So etwas macht man doch nicht, schüttelt jemand den Kopf. Da hätten sie uns fragen sollen, wir wissen, wie das Leben ist. Durch Untermut fließt ein stilles Bächlein, die Sorge. An der Sorge steht ein kleines Fachwerkhaus. In dem lebte einst der Dichter Egon Schwedter. Der schrieb Kalendergeschichten moralischen Inhalts. Sie handelten von einfachen Menschen, die sparsam sind und sich zu bescheiden wissen. Ihm ist eine Gedenktafel gewidmet, auch der eine ausgeschilderte Rundwanderweg trägt seinen Namen.
In Mut nimmt man die unterschiedliche Ausprägung der angeschlossenen Ortsteile gelassen. Das war schon immer so, schmunzelt der Oberbürgermeister der „Stadt für Energie und Zuversicht“, wie Mut sich seit einigen Jahren selbstbewußt nennt, seit der landesweiten Ausstellung „Kommunen der Zukunft – die Zukunft der Kommunen“. Wir profitieren sogar von diesen Mentalitätsunterschieden, sagt er im Interview. Übermut will alles, kann alles, weiß alles. Untermut ist sich nicht sicher, hadert, zweifelt, möchte aufgeben. Dazwischen wir. Er lacht. Mut geht es gut, sagt er noch, ehe er in seinem Büro verschwindet.
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