Die Agenten unserer Wünsche und Ängste

Identitäten erfüllen den großen und gefährlichen Zweck des Sich-richtig-und-gerechtfertigt-Fühlens. Sie wirken orientierend und stabilisierend, entscheiden über Zugehörigkeit und Unzugehörigkeit. Die Angriffe auf die Identität, wie sie von zahlreichen Mächten unserer Zivilisation vorgetragen werden, zielen auf Herz und Hirn der handelnden Person. Zuallererst mobilisieren sie das Gefühl, betören die Sinne und liefern Bilder, Klänge und Gerüche des gelingenden Lebens. Sie schaffen aktuelle und aktualisierbare Idole. Am durchsichtigsten geschieht dies in der Werbung: glückliche Menschen an der Seite begehrenswerter Produkte, Ausstellungsstücke ekstatischer Zufriedenheit. Sodann appellieren sie an den Verstand, daß er einsehen und verstehen möge, daß die erzeugten Wünsche nachvollziehbar und vernünftig sind und es im Interesse der ganzen Person liegt, sich besser zu fühlen, sei es durch den Erwerb eines Produkts, durch die Buchung eines Seminars, die Wahl einer bestimmten Option. Je einsamer der Mensch, desto größer der Hunger nach Zugehörigkeit. Aus sich selbst heraus gerechtfertigt sein – wie soll das denn gelingen? Das können wir nicht, benötigen einander, müssen uns verbinden. In diese Prozesse des Suchens und Findens schalten sich die Konzerne und Institutionen mit ihren flankierenden Angeboten. Daß sie lediglich Surrogate bieten, erkennt ein jedes Kind – und doch kann kein einziges ihnen dauerhaft widerstehen. Erwachsene Menschen sind kein Vorbild des Widerstands gegen die Agenten unserer Wünsche und Sehnsüchte, die sich dafür bezahlen lassen, daß wir sie sich einschalten ließen, hilflos wie wir nun einmal sind (oder sein wollen).


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