Opfertäter

Übrigens glaube ich, daß man einen Menschen austrinken kann. Nicht sein Blut – oder doch sein Blut, aber im übertragenen Sinn. Das geschieht, wenn man ausforscht, statt vorsichtig und respektvoll zu erforschen. Da gab es diese Witzformel: Operation gelungen, Patient tot. Etwas Derartiges geschieht jenem, der zuviel auf einmal wissen will, statt zu warten, was sich freiwillig von selbst zeigt. Die Rehe sind scheu. Ich muß noch einmal von vorn beginnen: Übrigens glaube ich, daß man einen Menschen austrinken kann. Ja, sein Blut, aber im übertragenen Sinn. Das Blut ist Leben – das kann man bis auf gewisse Reste heraussaugen. Dann hat man den anderen Menschen erledigt, und der braucht eine verdammt lange Rekonvaleszenz, um wieder auf die Beine zu kommen und zu eigener Bewegung fähig zu sein.

Übrigens glaube ich, daß das Vampiristische ein Hauptmerkmal der unverstandenen Liebe ist. Deshalb die vielen Serien und Spielfilme. Und wer versteht schon die Liebe? Liebende möchten sich voneinander ernähren, wollen alles geben und alles nehmen. Anschließend ist man tot. Niemand sagt mehr, ich hab dich zum Fressen gern – es versteht sich von selbst. Giftige Pflanzen wachsen im Garten der Lüste. Wenn der Kampf ums Überleben beginnt, fließt echtes Blut. Daß Menschen intelligente Raubjäger sind, wird geflissentlich vergessen. Lieber wollen wir schmeicheln und umschmeichelt werden, verständlich genug.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Opfertäter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert