Konfektion

Die Verkleidungen dienen wohl dem Schutz. Das Leben macht aus uns kleine Schneidermeister, die sich Konfektionen für den eigenen Bedarf zurechtschneidern: Ausgehanzug, Arbeitstracht, Schlafgewand, Wanderkostüm, Sportdress, Uniform, Rüstung. Innere und äußere Kleidung. So setzt sich ein Ich zusammen in Versuch und Irrtum. Versionen des Selbst entstehen. Vom Äußeren soll nicht auf das Innere geschlossen werden, doch jeder tut es.

Die Verkleidungen schützen, sie sagen: Ich bin ein bunter Schmetterling. Ich bin klug und gebildet. Ich bin Künstler, sieht man doch. Ich bin starke Frau. Ich bin ein großer gefährlicher Mann. Ich bin ganz normal. Ich falle extra nicht auf. Ich habe Geschmack. Ich bin eher so ein Kumpeltyp, also keine Angst. Mit diesen Identitäten wird gearbeitet, sie werden eingesetzt und den Situationen und Konstellationen angepaßt; sie sollen den Erwartungen der anderen entsprechen oder diese gezielt durchkreuzen, aber Selbstentwurf und Fremdeinschätzung werden gern in Übereinstimmung gesehen, sonst entstehen Spannungen. Wir sind der sich selbst erklärende Text.

Auch Stimmungen und Stimmungsschwankungen spielen eine Rolle, heute fühle ich mich unbeschreiblich schwarz, morgen werde ich leuchten. Deshalb sprach eine Generation unaufhörlich von Selbstfindung und Selbstverwirklichung – sie begriffen sich als etwas, das erst noch zu bauen ist, doch bevor gebaut werden kann, muß man es (das Selbst) irgendwo und irgendwie finden. Daher die Methoden und Seminare. Ich bin froh, ihr entgangen zu sein, sie saß stets am Nachbartisch im Café und besprach sich. Die Claudia-Roth-Generation: Halstücher, schwerer Schmuck, grelle Farben, die demonstrative Lebensfreude konsumorientierter Esoterikerinnen, der sanfte Balsam sensibler Heiler und Helfer, das grüne Milieu mit seiner Beziehungssprache und Betroffenheit.

Seitdem ist eine Menge passiert. Anpassungen an den Zeitgeist wurden fällig. Eine Zeitlang dominierte die Werber- und Beraterkaste, herrschte der strenge Orden der Anzugträger und Kofferroller. Sie waren von Kopf bis Fuß Management, und ihre Vokabeln hängen noch in der Gegenwart wie Uniformfetzen nach einer verlorenen Schlacht. Sie haben alles verwüstet. „Zeitmanagement“ – wer traut sich noch, etwas derart Geschmackloses in den Mund zu nehmen. Karrieren sind einfach ausgelaufen oder laufen leer und lukrativ weiter. Man sieht sie noch, doch sie ähneln Gespenstern, die durch klimatisierte Wartehallen der Flughäfen, Hotels und Firmenrepräsentanzen geistern, ihren Dresscode befolgend bis zum Burnout.

Die Hipster haben sich integriert. Sie sind unauffällig geworden durch Gruppenkonformität. Von ihnen ging nichts aus. Neues folgt bestimmt. Vermutlich wird es lieb und rücksichtsvoll sein, sich später dann radikalisieren. „Die Zukunft, das ist aber nicht jetzt“, sagt Sinéad Cusack als Firmenchefin in der britischen Serie Marcella.


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