In der Konditorei am anderen Ende der Stadt

Meine Fahrten im Untergrund konnten gar nicht schlecht werden. Wenn ich nämlich hinunter in die U-Bahn stieg, fiel mein Blick tagelang auf das Filmplakat an der Lifaßsäule. Photo und Filmtitel erheiterten mich. Früher einmal Der Glöckner von Notre Dame, Die Spaziergängerin von Sanssouci, nun endlich Die Gärtnerin von Versailles. Drama, Historienfilm, Romanze. Etwas für Auge und Herz, und das Hirn wird bei so viel Begeisterung auch noch einwilligen. Zu erwarten sind grandiose Kamerafahrten, atemberaubende Kulissen und Kostüme, Frivolität und Opulenz, Genie und Raffinesse. Kate Winslet spielt die Titelrolle, Matthias Schoenaerts ist André Le Nôtre, der oberste Gartenarchitekt Ludwigs XIV., dargestellt von Regisseur Alan Rickman. Eine „starke Frau“ setzt sich in der Männerdomäne durch und bezaubert sowohl den Gartenbaukünstler als auch den Sonnenkönig. Denn sie ist so ganz anders als die anderen Damen am Hofe: ehrlich, unverstellt, natürlich. Sie schlägt eine Bresche in die festgefügte Wirklichkeit. Die Menschen damals hatten ja so entsetzliche Vorurteile, höre ich eine ältere Dame sagen. Damit ich sie das sagen hören kann, benötige wir beide eine Konditorei am Kaiserdamm. Sie wird der Fachverkäuferin von dem Film vorschwärmen, den ich erst noch sehen muß. Ich werde denken: Was ist bloß mit den Menschen von heute los, sie haben gar keine Vorurteile mehr.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

In der Konditorei am anderen Ende der Stadt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert