Nicht erwehren können

Er steht an einer Haltestange im Vorortzug und lehnt sich an sie, trägt einen dunkelblauen Popeline-Mantel, knielang, eine weißgerandete Hornbrille mit kreisrunden Gläsern, ist aufmerksam, liest Zeitung, schaut über den Rand des Blattes für die gebildeten Stände auf mich, skeptisch, neugierig, forschend. Ich sitze und döse, fahre zur Arbeit, die tiefstehende Sonne blendet mich, früher Nachmittag, ich habe seltsam geträumt, zum Frühstück gab es Milchkaffee, die Menschen um mich wirken nicht nur erschöpft, sondern erledigt, neben mir sitzt ein Mädchen und lernt Vokabeln, mir gegenüber sitzt eine Frau, die verschiebt dauernd ihr Bein, liest die aktuelle Spiegel-Ausgabe mit dem Titelbild zum Thema Kinderwunsch in Deutschland, eine Überschrift lautet: „Wir brauchen Klarheit!“ Der spöttische alte Mann an der Haltestange mit dem blauen Mantel erinnert an Péter Nádas, dessen Buch der Erinnerung ruft, es nach x Anläufen einmal zuende zu lesen: um zu begreifen. Aber was zu begreifen? Das Leben? Es gibt nicht das Leben, es gibt nur Leben. Ich phantasiere mich in die Frau mit der Wollmütze mir gegenüber und in ihre Auseinandersetzung mit Leben, Kinderwunsch und sogar Glück. Sie zuckt mit den Beinen, während sie liest.


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