Augen und Ohren

Als ich den ersten Kopfhörerträger in der U-Bahn erblickte, dachte ich was? Ich war … erstaunt, überrascht, entsetzt, fassungslos? Ein moderner Vollidiot, dachte ich. Abgekapselt, solipsistisch, narzißtisch. Der erste Kopfhörerträger in der U-Bahn war ein modisch gekleideter Mann mit sorgfältig frisierten Haaren, er hatte investiert. Ob sein Anblick für die anderen Fahrgäste ähnlich verstörend war wie für mich, weiß ich nicht. Bis heute (zehn Jahre später) frage ich mich, ob die Kopfhörerträger wissen, welche Geste sie aussenden. Es wird recht viel über Kommunikation gesprochen, man interessiert sich für nonverbale Ausdrucksmittel. Wie lauten die Botschaften der Kopfhörerträger? Ich bin hier nur aus Versehen; ich muß dorthin, wohin ich nicht will; ich höre Musik, um nichts anderes hören zu müssen; ich möchte mit mir sein und nicht mit euch; ich spiele mir den Soundtrack zu einem Film, den ich gerade sehe; ihr seid mir scheißegal, so wie ich euch scheißegal bin; ich bin hier privat; meine Party geht weiter, sie ist laut; ich bemerke grundsätzlich nichts, das ist bequemer; cool zu sein ist fingiertes Desinteresse. Hundert Sätze mehr, ich werde sie fragen. Sie werden langweilig antworten und sich auf die Normalität berufen. Macht doch jeder, ist doch schön, seine eigene zu hören, Musik nämlich. Wir haben nichts miteinander zu tun in diesen Bahnen und auf diesen Straßen und Plätzen, ganz recht. Was uns verbindet, sind Ort, Zeit und Zufall. – Ich lese den Beitrag nach und bin noch nicht zufrieden. Ich spürte damals sofort den Tabubruch. Denn da hatte jemand sichtbar unsere Notgemeinschaft verlassen, sichtbarer als jene anderen, aus deren Ohren seit Jahren diese Fäden hingen, ebenfalls kein schöner Anblick. Nun also Vollabkapselung, ungehemmt und demonstrativ. Ich dachte vermutlich: du mich auch. Nun hat es sich durchgesetzt, niemand findet es komisch, Menschheit lernt. Ich sitze nach und lerne langsam. Ich darf das, ich muß nicht jung sein.


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