Neukölln nach 23 Uhr

Risikogebiet Neukölln – was soll das heißen, was ist davon zu sehen? Antwort: Nichts davon kann irgendwo gesehen werden. Es liegen nicht um Atem ringende Personen auf dem schmalen Mittelstreifen der Hermannstraße, unserem Boulevard of Broken Dreams. Notambulanzen sind nicht unterwegs, um Sauerstoffgaben an Bedürftige auszugeben. In der U8 tragen nun erstmals alle Fahrgäste Mund-Nasenbedeckungen, auch wenn ein paar Nasen noch über den Stoffrand hängen und einige, wenn sie telephonieren, den Stoffetzen nach unten schieben und das mitwippende und komplett unschuldige Kinn bedecken lassen. Lernen benötigt Zeit und lehren Geduld. Ab nachts um elf fallen die Straßen in eine Art Nachkriegsstimmung. Fahles Licht der Laternen, kaum wer unterwegs, nur ein paar Kneipenheimkehrer schnurstracks nach Haus. Auch die Spätis zu. Neukölln nun so wie Zehlendorf, nur ärmer und ohne Weinkeller. Das Leben zieht sich ein. Das sind die Todesbilder eines Viertels, in dem sonst die Hölle los ist und alle lebendig sind bis zum Herzstillstand.


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