Zilpzalp 2

War das denn immer schon so, daß nachts alle schlafen? Ich erinnere mich an andere Zeiten. Auch um mich herum, in Sichtweite, scheinen alle zu schlafen. Es ist ein Uhr in der Nacht! Altern sie mit mir einem frühen Zu-Bett-Gehen entgegen? Bereits vor dem Corona-Ereignis deutete sich das an. Als ich vom Spaziergang zurückkehrte, klebte auf der Haustür ein Zettel, auf dem geschrieben stand, daß sich auf dem Tempelhofer Feld viel besser gemeinsam spielen läßt – eine Einladung an Eltern mit jungen Kindern, sich über eine Internetseite zu verbinden. Ja, das meiste geht gemeinsam besser und leichter und macht auch mehr Spaß. Früher lebten hier – früher: vor zehn oder fünfzehn Jahren – Vereinsamte, Glücksritter, Tollpatsche, Abseitige, Verschrobene, Bedenkliche, Verlorene. Es war nicht schön hier, aber es war wahr. Wahr in diesem Sinne: daß sich zu erkennen gibt, was ist. Nicht so zu tun als ob – denn das ist bürgerlich, die Bürger können und brauchen das. Die Abgründigkeit der Bürgerlichen ist groß. Sie starren in ein tiefes Loch, das so tief ist, daß sie beginnen, an diesem Loch überhaupt zu zweifeln. Man müßte ja hineinfallen, kopfüber, und warten, wann man aufschlägt. Ist nicht der Bildschirm erneut solch ein Loch, und was wäre, wenn er dunkel bliebe, nichts aufschiene auf ihm. Tagsüber wird gerodelt, nachts wird gemodelt. Einer muß wachen, schrieb Kafka. Aber ich wache ja nicht, ich bin nur auf und notiere, was nicht geschieht.


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