Vor allem soll man andere nicht dazu nötigen, es zu tun. Es gibt Fragen, die kann man sich sparen. Fragen, wie sie uns gestellt wurden, als wir Kind waren. Hast du dir die Zähne geputzt usw. Ja bedeutete nein, sie konnten es sich doch denken. Magst du denn das Geschenk, das Oma für dich ausgesucht hat? Artiges Nicken mit dem Kopf und im Kopf die Frage, warum sie sich Oma nennt. (Magst du das Nicken, das Enkelkind für dich aufführt?) Worum es geht – man brachte uns das gefällige Lügen bei. Weil die Wahrheit weh tun kann. Wir lernen andere zu schonen, indem wir ein bißchen schwindeln. Ist das schlimm? Nein, das ist allgemein üblich, funktioniert und jeder weiß es. Auch deshalb gibt es eine Wahrheit der Lügen. Hinter dem Schleier der Wörter und Illusionen (ohne sie stünde alles still) bleibt sie schemenhaft und schrecklich schön erkennbar. Wer den Schleier zerreißt, vergeht sich auch an der Wahrheit, da sie nun unannehmbar geworden ist. Aber der Schleier darf auf seine Haltbarkeit geprüft werden, auch ein kräftiger Windzug schadet nicht. – Stell dir vor, jemand aus deinem Bekanntenkreis sagte dir seine sogenannten Wahrheiten über dich ins Gesicht. Schonungslos und schamlos. Was wären das für Wahrheiten – die kann er sich sonstwohin stecken. Dann tut er auch noch so, als handle er mit Neuigkeiten.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.