Wo ist der Mond?

Ich möchte immer früh zu Bett und vernünftig sein, mich rüsten für den kommenden Tag. Aber dann spüre ich die friedvolle und nichtswollende Ruhe der Nacht und gleite in sie wie auf einem alten, morschen Kahn, leise plätschernd, so daß niemand davon erwacht. Jetzt erst beginne ich zu atmen. Tagsüber habe ich nicht bemerkt, daß ich atme. Jetzt erst kommen die Gedanken, die der Tag nicht mag. Auch die Ängste steigen auf, aus dem dunklen Wasser, über das der Kahn leise gleitet, silbernes Wasser mit einer glatten Haut darauf. Es ist nicht nur eine Angst, es sind die Ängste. Allein halten sie es nicht aus. Ich gebe ihnen einen Platz in meinem Boot, sie sehen erbärmlich aus. Von den Ufern dringen noch Geräusche zu uns, das sind Menschen. Wir sind sonstwas. Vor einigen Wochen habe ich Bilder von mir gemacht, ich war der Tod. Die kann ich niemandem zeigen. Ich sehe sie selbst nicht mal an. Wie gut, daß es die Nacht gibt. Wäre immer Tag, brächte ich mich um.


Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Wo ist der Mond?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert