Sie bestand darin, daß ich Befremden spürte – im Konfirmationsunterricht und wenig später im schulischen Religionsunterricht (evangelisch-lutherisch). Der Herr als Hirte? Das sprach mich nicht an, ich müßte ja Schaf sein oder Rind. Daß es bildlich gemeint war, entging mir nicht. Nur wie sollte ich hineinpassen in dieses Bild? Seid mal alle schön Schafe, dachte ich und wandte mich ab, innerlich. Heute kann ich den Psalm freundlicher lesen und mich hineindenken in die Unschuldsvermutung des Menschen und die Sehnsucht nach Führung und Lenkung, nach Speis‘ und Trank, nach Versorgtwerden, also Sorglosigkeit. Vom Glück der Schafe in der Herde handelt Nietzsches zweite Unzeitgemäße Betrachtung, die Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Diese Betrachtung spielt in meinem Leben eine besondere Rolle, da ich über sie eine Hausarbeit verfassen sollte, die ich nicht verfassen konnte. Ich selbst hatte mir das Thema gewählt – und scheiterte. Nein, ich scheiterte nicht – ich wollte sie nicht schreiben. Ich wollte nicht Historiker werden, nicht Germanist, nicht Philosoph. Ich wollte etwas, das ich nicht wußte. Ob ich es jetzt weiß, weiß ich nicht. Ich lebe eine Art Leben, furchtbar schlimm ist es nicht. Ist es gut – nein, wirklich gut ist es nicht. Aber ein metaphorisches Schaf werden, nein, auch das liegt mir nicht. Ich lebe einfach mal ein bißchen weiter, mal sehen, was noch kommt. Leben ist dynamisch.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.