Weiter auf „Zehn Seiten“. Ich suche Gesichter, orientiere mich auch an Titeln. Die meisten der Namen habe ich nie gehört. Viele Leute schreiben Bücher, denke ich. Gibt es denn auch genug Leser? André Herzberg, Sänger von Pankow, liest aus seinem Roman Alle Nähe fern. Drei Generationen einer jüdischen Familie. Der Großvater Heinrich deutschnational. Exil in England. Der Vater, Paul, geht nach Kriegsende ins neue Deutschland und macht als Parteifunktionär Karriere. Jakob, der Sohn, wird Sänger, gerät nach der Wende in eine schlimme Existenzkrise und „findet nach langem Suchen“, so weiter im Klappentext, „zum Judentum und zu sich selbst“.
Ich habe den Pankow-Song Langeweile von 1989 im Ohr: „Ich bin rumgerannt / zuviel rumgerannt / ist doch nichts passiert“. Dokument der untergehenden DDR. „Das selbe Land zu lange gesehen / die selbe Sprache zu lange gehört / zu lange gewartet / zu lange gehofft / zu lange die alten Männer verehrt“. Das war besser, denn es war notwendig. Doch viele der Älteren machen sich auf Spurensuche und widmen sich den Vorfahren. Scheint gut zu sein, zu wissen, woher man stammt und welches die eigene Rolle im Familienroman ist. Gut möglich, daß wir Lebenden den Weg der Vorfahren auch dann weitergehen, wenn wir ihn zu korrigieren trachten. Jedenfalls geben sie uns einige Themen mit auf die Reise, an denen wir uns abarbeiten werden. Ist schon in Ordnung. Man muß ja nicht gleich dankbar werden.
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