Dem Nachtbus steigt jemand zu, der von sich sagt, er sei behindert. Er stemmt einen Einkaufswagen, einen jener rollenden Blechkörbe mit Kette und 1-Euro-Schublade, in den Bus. Er rollt rasselnd und dreist am Busfahrer vorbei, erwirbt keinen Fahrschein, besetzt einen Platz, neben sich seinen Wagen, und behauptet auf Nachfrage erneut, behindert zu sein. Er darf das auch sein, nur sollte er es jetzt belegen. Das tut er nicht, spektakelt stattdessen. Der Busfahrer stellt den Motor ab. Die anderen Fahrgäste murren, wollen weiter, schließlich ist es schon spät. Doch sie nehmen es mit Humor, denn der, der von sich sagt, er sei behindert, ist ein wenig verrückt im Sinne von: unterhaltsam. Kurze Party im Nachtbus der Linie 8, Station Heinrich-Heine-Straße. Sehr kurz nur. Denn schon kommt ein erster, dann ein zweiter Einsatzwagen der Polizei. „Look, the cops“, sagte eine Gelockte zu ihrem Begleiter. Die kommen herein, führen den Einkaufswagenmann nach draußen, handeln die Sache dort ab. Der Busfahrer zündet, der Motor brummt auf, wir fahren weiter. Auf dem Gehweg der klägliche Rest auftrumpfenden Begehrens, vergessen und verlassen wie ein vertrockneter Kaktus in einer Garage ohne Licht.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.