Nicht zu laut atmen III

Die Überkorrektheit mancher Deutscher, das ängstliche Vermeiden von Fehlern (was zu einem Vermeiden von Handlung überhaupt führt), die Furcht vor dem Nachbarn, die Suche und Sucht nach vorgegebenen Mustern und allgemeingültigen Regeln – diese Liste ist länger als meine Geduld. Ordnung ist wichtig, sie ist das halbe Leben, wie ich lernen durfte. Was mit der anderen Hälfte geschieht, ist „Privatangelegenheit“. Ein Wort aus der Nachkriegszeit, als die Vorhänge zugezogen wurden, damit niemand die Familie beim Abendessen oder sonstwas erwischt. Mißtrauen als Verkehrsgrundlage.

Bei Berührung ist mit Stromstößen zu rechnen. Lieber schnell ins Internet, als einen Passanten nach dem Weg fragen. Es könnte etwas passieren. Deutschland ist so eingerichtet, daß nichts passiert. Niemand muß sich einigen, wenn Schilder, Signale und Markierungen vorgeben, wer in welcher Reihenfolge und Frequenz wo und in welcher Geschwindigkeit den Raum zu durchqueren hat. Man rechnet hierzuland mit Vorgaben. Fehlen sie, wird man unsicher. Vor der Kasse mit den zwei Kassiererinnen – soll man eine Schlange oder zwei bilden? Das sind Probleme.

So verhalten sich Menschen, die bei sich selbst nicht zuhause sind. Sie lernen es, doch das dauert lange. Es fehlt die Souveranität. Die Nachkriegsmentalität der Deutschen ist maßgeblich bestimmt durch die Flüchtlinge und Vertriebenen, die sich einpassen und anpassen mußten und den Mund nicht zu voll nehmen durften. Eine riesige Menge Menschen, die wußten, daß sie bestenfalls Geduldete waren. Sie hatten erst einmal gar nichts zu melden, waren deutsche Polacken oder etwas in der Art. Daher die Angst vor Tadel und Rüge, die Unsicherheit, der vorauseilende Gehorsam und als einzig objektiver Halt die Regel und das Richtige. Später kam der berufliche Erfolg als vermeintlicher Garant für gesellschaftliche Anerkennung hinzu.

Mit den Generationen heilt das aus. In einem Jahrhundert der Flüchtlinge werden die Autochthonen selten. Damit schwindet eine alte Sicherheit, sofern sie nicht bereits verschwunden ist. Wir tapsen hier alle etwas unsicher umher, scheint es mir. Als seien wir (in einem übertragenen Sinne) allesamt Vertriebene, jedenfalls Aufgescheuchte, Irritierte, Teilverstörte. Als hätten wir uns niemals einleben dürfen. Jederzeit wieder vertrieben zu werden – das ist die Angst. Sie spricht pausenlos aus allen Verstärkermedien. „The generation of traumas and dramas“ (John Trudell) – doch es sind mehrere.


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Nicht zu laut atmen III

Ein Gedanke zu „Nicht zu laut atmen III“

  1. eugen schreibt:

    ‚lieber schnell ins Internet als einen Passanten nach dem weg fragen’hahaha..’vor der Kasse mit den zwei Kassiererinnen-soll man eine Schlange oder zwei bilden‘ herrrlich!aber mal im ernst,das mit der Ordnung,den Regeln/werken des Miteinander,dem etwas freudlosen funktionieren,ist das nicht allesI
    irgendwie Protestantismus?Max Weber lässt grüßen.ich glaub,da unten in Bayern ist das irgendwie nicht ganz so,hmm? da fällt mir noch das Preußische ein,das preußische erbe,disziplin,unterordnung,
    gehorsam…da haben wir tatsächlich den stock verschluckt,mit dem man uns einst geprügelt hat,wie der böse Heine gedichtet hatte..haha,tatsächlich,ich glaube auf der metaebene geht es nur um eines:
    um Orientierung.-und Identität,zwei seiten der gleichen münze.
    ,mir gefällt,dass so viel Gegenwart in deine textschnipsel,deine Gedankensplitter einfließen,.sonst wäre das ja irgendwie nicht relevant.oder? rhetorisches ‚oder‘:
    -nicht zu laut atmen-genau,das beschreibt es,das bringt es auf den punkt,bitte fortsetzen,
    sozialpsychologische grüsse von eugen,der ausnahmsweise mal bei tageslicht in deinen blog reingelesen,darf man das überhaupt?halbernste frage,wenn das gestattet ist,
    let the good times roll,

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