Paradieswahl 2

Was die gute Paradieswahl befördern soll, ist ein Klima der Verdächtigung. In solcher Raumluft zeigen die Leute sich gegenseitig an. Denunziatorisches Handeln prämiert sich hoch, es kommt zu Lagerbildungen. Haftungsgemeinschaften sind ausgemacht. Wer wurde mit wem wann gesehen, kann jemand Auskunft geben. Ausgewachsene Menschen entwickeln Schnüfflerqualitäten und stochern in der Mülltonne des Nachbarn, sicher wird sich Unrat darin finden. Selbst bloßes Reden gilt bereits als moralisch, wenn Regeln befolgt werden, die kürzlich von ein paar Kleinbürgern aufgestellt wurden im Namen eines großen Dingsbums. Die Feuilletons senden sich Klopfzeichen. Ein paar Ahnungslose oder Idealisten oder Prinzipienreiter tun so wie früher und finden sich sonstwo wieder, in irgendeiner Walachei (historisch und geographisch befindet sie sich im Süden Rumäniens), teleportiert durch den Bannstrahl irgendeines Gerechtfertigtseins. Das ist die eigentliche Energiewende, die Flüsse fließen bergauf. Die Empörung gegen solchen Infantilismus erheitert durch spiegelbildliche Erbitterung. Darüber (über beides) zu schreiben ist nicht sehr vornehm. Es wäre vornehm, wegzusehen und zu schweigen, nicht aus Feigheit, sondern aus Scham. Zeitgenosse zu sein ist das Zweitschlimmste.


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