Der dunkle Trieb

Wenn mich etwas abstößt, dann ist es die Arroganz der Gegenwart. Ich bin mir nicht sicher, ob es Ziel und Aufgabe aller vergangenen Leben war, ausgerechnet uns hervorzubringen. Immerhin ist es geschehen. Wir sind hier, wir versuchen es, geben unser Bestes. Meines Erachtens aber gilt die Würde des Fremden (Novalis) auch für die Vergangenheiten. Sie müssen nicht zurechtfrisiert werden für ‚unseren‘ Geschmack. Es ist nicht einmal nötig, in ihnen Vertrautes vorzufinden. Ich benötige kein identifikatorisches Schauen – ich schaue ohnehin, wie und wohin ich will. Wenig in der Vergangenheit ist bereits auf uns Jetzige angelegt, möchte ich wetten. Das, was wir sind (wie wir leben), ergab sich so. Dauernd war was los, selten kam mal jemand zur Ruhe. Die Geschichte stürzt ziellos nach vorn. Wie ein Strom meinetwegen, der sich durch die Landschaft frißt oder wälzt, immer dorthin, wo gerade Platz ist und es bergab geht. Eines Tages erreicht er vielleicht das Meer, doch niemand kann sagen, was das Meer ist. Andererseits – besichtigt man alte Burgen und betritt Folterkammern, setzt ein Wiedererkennen ein. Die Gegenwart ahmt die Vergangenheit nach, aber weiß es nicht.


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