Zwischen den Steinplatten ist fingerbreit Platz für Pflanzengrün und versickerndes Regenwasser. Das Haus der starken Wände steht fest auf hohem Grund; daß es in den Räumen nicht spukt, liegt an der Moderne. Eine Schwebfliege besteigt den Schreibstift an dessem obersten Punkt und läßt sich von der Schreibhand über das Papier führen, spürt bis hinauf zu sich das Vibrieren der Tintenkugel, die die Zeichen rollt. Der Wind bringt das Blattgefieder der Esche zum Sprechen. Auf der Terrasse sitzen, lesen und schreiben die Menschen aus einer anderen Stadt, einem anderen Land, einer anderen Sprache. Die Ferne enthält ein Versprechen. An unbekanntem Ort ersteht die Möglichkeit einer Erneuerung. Ich bin noch nicht ich, obwohl ich es bereits bin. Orange oder Zwiebel und die Idee des Eigentlichen. Unterdessen wächst der Bart, und ich denke an die beiden Juden auf der Sitzbank am Silser See, die mich ausfragten, als könnten sie die Wege segnen. Ihre Patriarchenbärte glänzten silbern im Licht der Mittagsstunde. Heute vor einhundertfünfundzwanzig Jahren starb Friedrich Nietzsche, geistig umnachtet, wie es heißt, aber nicht in Sils-Maria. Vielmehr in Weimar, die Villa Silberblick ist ein muffiger Ort. Mit Nietzsche läßt sich tanzen, er will das.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
Nietzsche in Weimar: https://www.youtube.com/watch?v=t8wZntzIg9Q