Als Kind meint man lügen zu müssen, aus Angst vor Strafe. Ich wußte genau, daß irgendwas schon wieder nicht richtig war. Schließlich schlußfolgerte ich, daß ich selbst es sein müsse, der nicht richtig ist. Dauernd hatte ich was ausgefressen, ich hielt mich für schlecht. Als Kind lernt man Regeln, an die die Erwachsenen sich nicht halten. Ich geriet dauernd in die Klemme, fürchtete Strafe und hoffte, daß alles gut gehen möge und unbemerkt bliebe. Damals hätte ich zu Gott beten können. Stattdessen bekam ich Alpträume und fand vor Furcht nicht in den Schlaf. Was die Nächte angeht, durchlebte ich als Kind die Schreckensvisionen der Hölle, teils auch bei Tag (mein Katastrophismus: die Erwartung schlimmster Ereignisse). Das sensible Kind, würde man heute sagen. Damals auf dem Land gab es das nicht. Mit vierzehn oder dreizehn begann ich mich abzuhärten, mit fünfzehn wußte ich, was ich tat. Ich nannte es Desensibilisierung und bat meinen Vater, mit der Schaufel eine der winzig kleinen, noch blinden Katzen erschlagen zu dürfen. Er besorgte das für die anderen drei – eine aus dem Wurf verblieb jedoch bei der Katzenmutter, damit sie zu tun hätte und nicht sofort erneut Junge bekäme. (Katzen in Überzahl werden auf den Höfen zur Plage.) Seitdem zwinge ich mich hinzusehen, wenn Schlimmes geschieht. Ich kann nicht so tun, als sei nichts.
Entdecke mehr von holger tegtmeyer / texte und tage
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.