Die unvernünftigsten Menschen aller Zeiten

Um es noch deutlicher zu sagen: jene Kriegskinder gehören zur ersten umfassend modernen Generation Europas. Modern zu sein bedeutet, nach vorn zu stürzen, ist unablässiges Vornüberfallen wie bei einem Kleinkind, das laufen lernt. Fortschritt ist Flucht nach vorn. Nichts wie weg aus Vergangenheit und Gegenwart. Als jucke einem die Haut, als habe man die Krätze, als stecke man in Sumpf oder Moor, als plage einen das schlechte Gewissen. Es muß hier und jetzt unerträglich sein, denn warum sonst möchte man fort? Wohin denn eigentlich? Keine Zeit für Fragen, lieber schnell weiter, nach morgen und übermorgen, wo es dann ebenfalls wieder unerträglich sein wird, so daß man weiterrennen kann, um endlich eines Tages erschöpft zusammenzusinken und den verdienten Schlaf zu finden. Den gibt es nur für ausgemusterte Individuen, nicht für die Sturmtruppe. Die muß weiter keuchen, schwitzen, verbessern, putzen, spachteln, löten, fräsen, tüfteln, funken, fegen, schneiden, optimieren. Jetzt verpassen sie ihrem Kühlschrank Intelligenz. Der denkt nun auch mit. Ihr Auto quatscht sie voll, wenn sie den Gurt nicht angelegt haben oder der Sprit knapp wird. In ihren Zimmern stehen die größten und flachsten Bildschirme der Weltgeschichte und sie sind überall und ständig live dabei. Sind das noch Menschen, fragt mich ein Freund. Glaube ja, antworte ich zaghaft. Nein, es war früher nicht besser. Früher war es auch schon scheiße. Aber eine Pause wäre uns allen doch zu gönnen. Zum Verschnaufen, zum Genießen, zum Fröhlichsein. – Aber dann bricht hier doch alles zusammen, höre ich es rufen. Ja, so schlimm steht es um uns. Wenn wir das Vernünftige tun, bricht der Notstand aus. – Hast du vorhin nicht geschrieben, die Welt ist nicht zum Wünschen da, oder so ähnlich? Ja, das stimmt, ich bin auch schon ganz durcheinander. Aber die Welt selbst ist ja an sich nicht modern. Ein Berg wird niemals modern sein, ein Fluß nicht, der Spatz nicht, die Wolke nicht, der wilde Wein. Sie sind alle zufrieden mit sich, denke ich. Der Mensch nervt manchmal ein bißchen. Ich kann mir vorstellen, daß die Tiere eines Tages beschließen, ihn zur Räson zu bringen. Einstweilen müssen wir dieses überfällige Geschäft noch selbst besorgen. Ein jeder bei sich, sonst nervt man schon wieder.


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