„Hier was, da was“, kommentierte mein Bauerngroßvater Trubel jeglicher Art. Ich erinnere mich daran, daß es kratzte, wenn ich seine Wangen streichelte. Ich saß auf seinem Schoß, wir waren beide stolz aufeinander. Sein Blick war voller Güte, er würde mich halten und schützen. Anders als seine Frau, die ich fürchtete, da sie mich nicht sein ließ, wie ich war. Bereits ein Kind weiß sehr genau, was es ist und was nicht. Nur deshalb vermag es sich zu schützen, notfalls durch Trotz, gegebenenfalls durch Flucht. Und noch heute spüre ich auf der Stelle, wohin ich mag und wohin nicht.
Autor: Holger Tegtmeyer
Unter einem reißt die Straße durch
Als es losging mit der C-Angelegenheit und das Leben in der Stadt doppelt anstrengend wurde, hatte ich Sehnsucht nach dem Außerhalb und dachte ernsthaft darüber nach, mir das erste Mal in meinem Leben ein eigenes Automobil zuzulegen, einen Gebrauchtwagen. Als ich probefahren wollte, sprang das Auto nicht an. Ich nahm das als Zeichen und verzichtete, obwohl die Besitzerin mir gewogen war und einen guten Preis gemacht hätte. Mittlerweile ist sie tot. Auch die alten Zeiten sind tot. Früher fuhr ich oft mit dem Auto, ich fuhr gern. Vor allem war ich per Anhalter unterwegs, kreuz und quer. Etwa zwanzig Jahre lang, die erste Tramptour mit fünfzehn, die letzte mit siebenunddreißig. Auch längst vorbei, jedoch nicht vergessen. Ich vermisse die Tramper an den Straßenrändern, den Kreuzungen und auf den Rasthöfen. Manchmal ist es, als hätten alle zu viel Geld oder zu viel Komfort oder beides zur falschen Zeit. Ich bin mir nicht sicher. Ich hätte damals gern mehr Geld gehabt. Aber hätte ich es gehabt, hätte ich nicht die Fahrten gehabt in fremden PKWs oder LKWs mit Leuten, die ich weder vorher noch nachher je wiedergesehen habe, mit denen ich aber eine paar Fahrtstunden teilte in eine gemeinsame Richtung, denen ich jeweils dankbar war und mit denen ich sprach, so gut ich konnte. Eine Menge Geschichten sind das. Man lebt ewig und drei Tage.
Letzte Nacht
Sonnenkinder
Ein weiterer Sonnentag in der langen Reihe der Tagesschönheiten. Ruf der Landschaft, lockend und klar. Auch wenn es ein wenig frevelhaft sein mag, wünsche ich mir ausgerechnet heute ein Automobil, um motorisiert hinauszubrausen ins weite Land. Wohin ich führe, wäre unwichtig; es würde erst wichtig während der Fahrt. Vermutlich wählte ich eine Richtung, in die ich noch niemals fuhr. Ich miede die Autobahnen und bevorzugte die Landstraßen, insbesondere die schmalen, die durch Wälder zu Ortschaften führen, in denen die Märchen ersonnen wurden in langen Winternächten. Daß auf den Dächern statt Wetterhähnen die Satellitenschüsseln sitzen, störte mich kaum. So läßt man sich neuere Geschichten erzählen. Statt dem Lockruf zu folgen, muß ich zur Arbeit fahren, und da die Verkehrsbetriebe streiken, dauert es länger, bis ich dort bin. Das ist nicht schlimm, ich habe ein Buch dabei.
Die vermißte Schwester
Wenn die Brüder sich erneut verstehen, ist es gute Zeit. Die Schwestern besprechen auf andere Weise die Lage. Ich habe keine Schwester, doch wünsche ich sie sehr. Umsonst. Nicht schlimm, sagt das erfahrene Ich; sehr schlimm, versetzt das andere Ich, das zu beschreiben ich mich derzeit nicht traue. Langsam nur gerate ich voran an wichtigen Stellen. Das geht stückweise und ist nicht prahlenswert. Mir ist nach einem leisen Lied.
Wie könnte ich anders
Wie könnte ich anders leben, fühlen, denken und handeln? Die Antwort ist sehr klar: Ich kann nicht. Mein Schicksal kann ich bestenfalls hinauszögern. Doch ich akzeptiere und bedenke die Einwände gegen solches Denken, Sprechen und Fühlen. Ich gehe sogar davon aus, daß es abgelehnt wird. Macht ja nichts.
Aus dem Zusammenhang 348
„Wenn du einen Raum betrittst, durchbohrst du die Seelen aller Männer – legst ihre Leiden bloß. Das kann man niemandem beibringen, diese Gabe verdient man sich durch Schmerz.“
Mayor of Kingstown, S3 F5
Kunststück
Als Café-Inhaber gebe ich mir Mühe, die Wände nicht zu überhängen. In meiner derzeitigen Verfassung würde ich endlos Bilder aufhängen, insbesondere ungerahmte. Die Rahmen sind ja Teil des Problems. Daß Musik gespielt wird, bedeutet viel. Einige Bilder müssen ein wenig verschnaufen, sie wurden totgeritten. Neue werden an ihre Stelle gesetzt, würdevoll und gelassen. Obwohl ich mich schnell bewege, versuche ich, gelassen zu sein.
Penistenzeug
Sämtliche Herrschaftstechniken sind Techniken des Eindringens und der Durchdringung, solche also der Inbesitznahme. Ob privat oder politisch. Deshalb spricht man von Penetration. Penetrant nenne wir einen Menschen, der nicht ablassen kann, uns anzuöden. Er begehrt Einlaß, der nicht gewährt werden kann. Die sogenannten Medien, allesamt Penetrationsorgane, fummeln an uns herum und versuchen etwas, das sie selbst nicht verstehen. Immerhin scheint es um Aufmerksamkeit zu gehen, an die sich sogleich eine Ökonomie heftet. Wer hätte das zu vermuten gewagt. Was machen wir Durchdrungenen denn jetzt? Das ist eine echte Frage, harrt demnach einer Antwort. Rückzug, würden manche empfehlen. Ja, das ist die sichere Methode. Mir wäre nach einer offensiveren zumute, die nicht ihrerseits penetrieren wollte. Nein, die kann es nicht geben, ich bin mir sicher.
Die armen Wörter
Sozusagen ist gewissermaßen ein Lieblingswort, denn gewissermaßen zählt sozusagen ebenso zu den Adverbien, einer unzuverlässigen Gruppe von Wörtern, die sich (nahezu unbemerkt) den scheinbar solideren Adjektiven beigesellen und zudem für Verwirrung sorgen, indem sie die Adjektive in die Klemme bringen, entscheiden zu sollen, ob sie adverbial oder attributiv verwendet zu werden wünschen, gerade so, als fragte man diesbezüglich nach, statt schlichtweg zu kommandieren. Gehorsam sind sie stets, was bliebe ihnen sonst (ihrer Stärke nicht bewußt). Natürlich sind Wörter keine Wesenheiten, mag man einwenden. Doch allzu sicher sein kann man sich diesbezüglich nicht sein. Ich warne vor Verniedlichung der Sprache. Ich warne, falls das hilft, sogar vor Indienstnahme von Wörtern. Das darf man bitte lassen, denn sie werden sich rächen. Schließlich nämlich kann sie niemand mehr hören.