Frühling ist eine Quälerei. Man schicke mir keine Bilder von Krokussen oder Forsythien – sie stehen und wehen im kalten Wind. Wind und Kühle fassen an die Haut, daß man wund davon wird. Kaum wird es warm, fahren sich die Leute gegenseitig über den Haufen. Es gibt grosso modo drei Sorten Mensch in Bewegung: Fußgänger, Fahrradfahrer, Autofahrer. Die einen fahren um, die anderen stehen im Wege. Geschrei und Überlegenheitsdünkel. Zurück zur Quälerei: Frühjahr ist eine Geburt unter Wehen. Der Sommer ist zu groß, um als Ganzes aus dem schmerzgepeinigten Körper der Zeit gepreßt zu werden. Er kommt gleichsam in Stücken und Schüben, so daß man um das Leben überhaupt zu bangen beginnt. Damit man das aushält, gibt es die Vertröstungen auf ein Später. Bald wird es warm sein, bald wir es grün sein, bald schon ist Sommer.
Autor: Holger Tegtmeyer
Aus dem Zusammenhang 350
„Wisch dir die Scheiße von den Stiefeln, ehe du ins Auto steigst.“
Peaky Blinders, S5 E3
Zum Beispiel dies
Heute wieder Streik
Man hat aus Gott aus Gründen der Veranschaulichung eine Figur gemacht, die in Menschensprachen spricht und Befehle erteilt wie ein Lehrmeister oder erst- und letztbefugter Herrscher. Als Allegorie des Unaussprechlichen, des Tao von mir aus, des Geheimnisses der Welt, das diese zusammenhält und trägt, als Speicher menschlicher Erfahrung und des Wissens der Generationen über die Zeit- und Geltungsgrenzen hinaus, so die Hoffnung, würde das Bessere und Besonnenere sich durchsetzen. Daß dem Überweltlichen oder Absoluten stets die weltliche Herrschaft sich anleimte, darf nicht verwundern. Die Legitimation politischer Herrschaft wirft über die Jahrtausende hinweg ernsthafte Fragen auf. Ich vermag in Gott keine Figur des aktiven Handelns zu erkennen (vielleicht eher eine des Nichthandelns, da das Handeln sich stets von selbst erledigt), respektiere jedoch die Bilder und Vorstellungen und Zuschreibungen, die sich historisch-kulturell an ihn heften und lasse mich anrühren von Ergriffenheit und Hingabe. Das Personalpronomen hingegen ist trügerisch und verweist auf den Stand der jeweiligen Reflexion. Ist Gott eine Chiffre? habe ich mich schon gefragt, ist ein paar Jahre her. Was können wir denn sinnvollerweise annehmen, wenn von ‚Gott‘ die Rede ist? Manche würden sagen, daß überhaupt nichts sinnvollerweise anzunehmen ist. Mir ist anders zumute. Wenn ich an Gott oder auch die Götter denke, stelle ich mir vor, daß Ewiges angezielt werden sollte, und ich denke an Wahrheit, Sinn, Schönheit, Vollkommenheit, Ordnung. Nichts davon werden wir je zufriedenstellend erreichen, doch es wird versucht, und darin liegt die Tapferkeit der unsteten Menschenwesen. — Dies ist nur eine kleine Nach-Mitternacht-Skizze. Die Gedanken trage ich seit Jahren in mir und mag sie jetzt verkürzt notieren. Da die Menschen der Götter bedürfen, werden sie immer zur Stelle sein, wenn auch in wechselnder Besetzung. Auch so ließe sich sprechen. Insbesondere nenne ich die neuen Götter. Sie ließen sich leicht und schnell aufzählen, man kann sie überall lesen und hört von ihnen im Tagesgespräch; sie ziehen Zutrauen, Glauben und Hoffnung auf sich. Zu keiner Zeit sind die Götter aus dem Spiel, man täusche sich nicht.
Hypotaxe
Mit den Jahren und den erlittenen Schiffbrüchen lernen wir uns vielleicht ergänzen, die wir aufeinander bezogen sind wie Abhängige eines sehr großen Spiels, des größten, das wir kennen, und das sogar uns zu benötigen scheint, um stattfinden zu können, wie immer wir uns zu ihm stellen oder es uns zu sich stellt.
Aus dem Zusammenhang 349
„Mütter ertragen alles. Ein Kind, das auf die Welt kommt, reißt als erstes seine Mutter entzwei. Es reißt sie von innen heraus auseinander. Hervor kommt ein Leben, das vollkommen von ihr abhängig ist. Es braucht Nahrung, Wärme, Trost, Schutz. Das Kind spricht eine Sprache, die nur aus Schreien und Wimmern und gerunzelter Stirn besteht. Und die Mutter versteht diese Sprache im selben Moment. Die Mutter wird verschlungen und angetrieben von einer Liebe, die unbeschreiblich ist für jene, die sie nicht verspürt haben. Es sind nicht die Schmetterlinge der Verliebtheit, es ist der Instinkt der Liebe.“
1883, S2 E5
Das ist unerwartet viel
Es gibt Häuser, die sind schön, aber man möchte nicht in ihnen wohnen. Ebenso Städte oder Länder. Je älter ich werde, desto weniger beziehe ich die Begebenheiten auf mich. Vielmehr gebe ich mir umgekehrt Mühe, sie auf irgendeine Weise doch noch auf mich beziehen zu können, und dies nur, um sie spüren und in Fühlung zu geraten. Denn was ich nicht fühle, kann ich nicht tun. Die Gedanken tun gute Dienste, sie ordnen, ebnen und rechtfertigen. Gewiß tun sie das und gewissenhaft. Doch die Gefühle, man nennt sie Emotionen, sind schneller und genauer. Die Psychologen wissen das, denn sie sind zuständig für die Kontrolle des vermeintlich Unkontrollierbaren. Ließe man mich oder könnte ich mich lassen, ich entwiche nicht sonstwohin, sondern bliebe exakt hier und lebte exakt so, wie ich lebe. Immerhin so viel Zutrauen zu mir selbst habe ich im Laufe der Jahre gewonnen.
Die Macht der Forelle
Was wäre denn das für eine bescheidene Politik, die dazu führte, daß sich Gräben innerhalb der Familien und der Freundeskreise auftun und sogar Bekannte und Nachbarn voneinander abrücken? Man hieße sie nicht integrierend, sondern gegenteilig. Eine solche Politik haben wir erleben und erdulden müssen und zählen nun innerhalb unserer Reichweite die Opfer. Daß es so kam, wie es gekommen ist, ist nicht schicksalhaft, sondern Ergebnis von Entscheidungen auf höherer Ebene. Was reitet die Leute auf höherer Ebene (wie hoch sie auch sei), solche Zerwürfnis, wenn nicht anzuzetteln, so doch billigend in Kauf zu nehmen? Gesinnungs- versus Verantwortungsethik. Nein, solche Antinomie hilft nicht. Etwas Neuartiges ist über uns gekommen, und wir zappeln und fuchteln hier herum wie Fische in einem Gewässer mit geringem Sauerstoff. Man hört das Klatschen der sich in Entbehrungskrämpfen aufbäumenden Körper.
Aufregen und abregen
Man kann an den Zufall glauben wie an einen Gott. Umgekehrt funktioniert das nicht. Wer bei Gott an Gotteskrieger denken muß, weiß die Potenzen einzuschätzen. Dasjenige, was nicht gewußt werden, übertrifft bei weitem jenes, das einstweilen als gesichert gelten kann. An dieser Stelle vertun sich die Freunde der Wissenschaften, zu denen ich mich auch zähle, nur daß ich mich nicht vertun möchte. Ein verquerer Ehrgeiz, ich weiß schon. Ich habe ihn entwickelt, um mir einen Weg aus der sogenannten und gut benannten kognitiven Dissonanz zu öffnen. Mich interessieren die Irrtümer unserer Zeit mehr als ihre Gewißheiten, schlimmer noch: ich erkenne in den Gewißheiten von heute die Irrtümer von morgen. Sie wirken matt und leuchten fahl. Stellt jemand den Strom ab, sind sie futsch.