Daß die Poesie in den Herzen erstirbt oder nicht erst in sie dringen durfte. So lernen wir schluchzen; bedauern und erkennen die Schuld etlicher Generationen. Der Sachverstand wütet die Sachen zugrunde, da er nicht versteht, was es mit den Sachen auf sich hat. Ihr Gegenständliches ist mächtig. Daß auch die Dinge eine Würde haben könnten, übersteigt das aktuelle Fassungsvermögen.
Autor: Holger Tegtmeyer
Flecken auf dem Hemd
Nach Hause gefunden. Alles da. Wie wunderschön diese Stadt ist, wenn man sie läßt. Menschenleer wie die Hoffnung. Es ist Sommer, man reist irgendwohin. Ist der Sommer vorbei, verstrichen wie ein nur kurzfristig Gewährendes oder eine Erlaubnis, geht es weiter wie bekannt. Alltag. Alle Tage ist ein Tag. Man möchte daraus einen Witz formen oder eine Trauerrede. Gestorben sind die vielen, die einst in uns waren und wollten. Leben heißt zerstören, sanfter gesagt: Das Neue beruht auf dem Alten, doch es wächst im Widerstreit. Bliebe das Alte für alle Zeit, erstürbe jegliches Leben. Wir klapperten durch die grauen Straßen des Nichtbeginns als Repetitoren einer morschen Richtigkeit. Aber noch einmal zu Berlin: Man soll sie lassen. Sie ist eine Schönheit eigener Art. Zuviel Flitter wurde ihr aufgehängt.
Rascheln von Papier
Texte klingt nach Rascheln, nach Papier, nach Schlaubergerei. Textur ist Gewebe. Man kennt Textilien. Ist doch gut. Die französischen Intellektuellen haben sich am Begriff aufgehängt und etwas Geheimnisvolles hineingehext. Solches geschah zur Hochzeit der Semiotik, der Lehre von den Zeichen und ihrer Verwendung. Es gab Strömungen und Gegenströmungen wie stets. Doch was umströmten sie und in welche Richtung, vor allem wozu? Niemand versteht den Ingrimm der Beteiligten einer abgegoltenen literatur- und kulturwissenschaftlichen Debatte. Kann uns das ermutigen, die derzeitigen zu führen? Ich antworte für mich selbst, indem ich vor dem Wahrheitsgehalt sämtlicher Argumente sämtlicher Seiten in die Knie gehe und Amen sage. Ihr mich auch, in alle Richtungen. Seit ich weiß, wie ich reagieren werde, lebe ich freier als jemals zuvor. Wie schrieb Brecht an sein Jugendzimmer, dem Sinn nach doch etwa so: Komm‘ gern herein, aber leg‘ zuvor deine Vorurteile ab. Da war er jung und im Vollbesitz seiner analytischen Fähigkeit.
Beste Version
Lust auf den Biergarten, aber nicht auf die Leute. Aber ich bin selber Leute. So entsteht ein Zwiespalt, der uns durchs Leben begleitet. Der Mensch als paar- und gruppenbildendes Wesen, aber auch als Einzelwesen. Dessen Schutzlosigkeit und Schutzbedürftigkeit. In der Gruppe fühlen sie sich stark, in der Paargemeinschaft sicher und aufgehoben. Wer sich mit wem verbindet und wozu. Man soll als Mensch nicht zu schlecht über Menschen denken und sprechen. Erkenne im anderen dich selbst, notfalls wie in einem Zerrspiegel. Wir kritisieren im anderen dasjenige am heftisten, was wir in uns selbst nicht bekämpft bekommen. Es lohnt demnach, sich seiner Gefühle und Gedanken bewußt zu werden. Deshalb sind Neid, Eifersucht und Mißgunst derart gute Studienobjekte. Wir leben, um uns zu verbessern. – Dazu auch der Gedanke, daß die niederen Gefühle nicht das Problem sind, sondern das ungebremste Ausleben ihres schäbigen Kommandos.
Das Leben wie geträumt
Faulenzen, gammeln, abhängen. Nichts tun, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Wolken nachsehen, wie sie ziehen. Dem Mond beim Abnehmen zuschauen, Lichtdiät. Wurmwörter wie Aufmerksamkeitsökonomie in den Sand streuseln. Im Gras liegen, die Insekten krabbeln lassen, Kunst des Müßiggangs. Die Erschöpfungsdepression durchlaufen und überstehen – wie Geist und Körper durch die Arbeit in Zucht genommen werden, Heiliger! Strukturmangel – auch in den Sand. Habe ich Gedanken oder benutzen sie mich? Wann lasse ich mich ausdenken, also zuendedenken – wo läge ein Ende des Denkens und Sinnens – kann es das geben? Der Morgen ist angebrochen, es wird bereits hell. Da legt es sich gut zu Bett, auch ohne den Gesang der Vögel. Die haben das Ihre getan. Ein Ornitologe nannte die Zeit ab Juli „das große Schweigen“. In der Natur ist alles just in time. In der Hängematte bekomme ich Rückenschmerzen, bin auch kein Couchtyp. Ah, die Krähen schreien. Der Tag beginnt mit ihrem Gerede. Schlafen und träumen. Später die Korrekturen.
Mit großen Augen
„Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Außenwelt berühren. Wo sie sich durchdringen, ist er in jedem Punkte der Durchdringung.“ Novalis, Blütenstaub-Fragment 19
Die Würde des Fremden
Wie machen wir weiter
Sommer ohne Blues
Die Nächte im Sommer sind kurz. Ich liebe das. Als sei alles Leben mit einem Mal hier, fast schon brutal, fast schon zuviel. Wie die Pflanzen mit ihrem Vermögen wuchern, wie die Tiere das Ihre tun. Fruchtbarkeit und Verschwendung. Nur die Menschen geizen sich was. Ich weiß nur nicht, was. Sie geizen sich was, das sie später, wenn es zu spät ist, nicht mehr werden brauchen können. Die Nächte im Winter sind lang. Darauf freue ich mich. Man muß nicht mehr schwitzen, darf wieder frieren. Sommers lebe ich wie trunken, verstehe keinen einzigen Tag.
Sie können nicht tanzen
Gespräche mit deutschen Menschen geraten fast unweigerlich ins Trostlose. Mit Depression ist nicht zu beschreiben, was ich erlebe und erfahre. Ich würde das Niedergedrücktsein austauschen wollen gegen: Aussichtslosigkeit, Eingesperrtheit, Hoffnungslosigkeit. Vielleicht ist Festgefahrenheit das beste Wort. So stecken sie fest im Treibsand des Geschehens und orgeln die Apparate hoch. Man weiß, daß man Gutes und Richtiges wollte. Doch es stellt sich nicht ein. Keinerlei Begeisterung mehr, und ohne Begeisterung offenbar kaum mehr Geist. Welcher Spirit könnte helfen, woher sollte er kommen? Früherfrüher war es interessant, mit einem Kinobesucher aus Kolumbien zu sprechen, einem Philosophen, er forschte zu Kant und interessierte sich für Deutschland und dessen schwierige Geschichte. Irgendwann Ende der Neunziger an einem anderen Ort. Schon damals fand ich die Deutschen meines Alters fragwürdig – sie waren so langweilig. Langweilig heißt: vorhersehbar in den Reaktionen, eingeschränkt in den Aktionen. Das ist geblieben, hat sich verfestigt. They’re fucked, würde ein Außerirdischer sagen. Krisen sind gut.