Es grenzt ans Unanständige, daß die größte meiner Herausforderungen derzeit darin besteht, die Pflanzen eines Bekannten mit Wasser zu versorgen. Ich habe genaue Anweisung bekommen, wie das zu geschehen hat. Ich erfülle meine Pflicht und bin stolz. Sie alle leben. Die anderen Herausforderungen verstecken sich nicht, sie stehen abseits herum wie Mißachtete. Darunter befinden sich einige Brocken. An die werde ich mich machen, als gelte es. Ich weiß zugleich nicht, was gilt. So ist menschliches Leben. Immer aus einer Halbdistanz heraus. Feiern wir das ohne Ausrufezeichen.
Autor: Holger Tegtmeyer
Zukunft ist ein verlogenes Wort
Nachdem die Lehrer und Therapeuten, die Psychologen und Pastoren sowie die Agenturen übernommen haben, wird es an der Zeit sein, daß sich das eigentliche Leben regt. Schade nur, daß es sich den Parolen gefügig zeigt. Einstweilen. Wir werden eine Jugendrevolte erleben, daß es kracht. Ich behauptete das vor zehn Jahren. Die Jahre gehen ins Land, und man hält die Jugendlichen straff im Erwünschten. Sie sollen bürgerlicherseits Karriere machen, einen der begehrten Posten ergattern und später was zu sagen haben. Wäre da nicht die Moral. Moral ist Selbstanspruch, nicht Fremdanspruch. Es wird gefährlich werden, ich spüre das. Die betrogene Generation wird sich wehren, jedoch nicht mehr einhegen lassen in die Wunschvorstellungen der Dirigenten. Die Probleme liegen tiefer, unterhalb der Parolen und des Geglaubten.
Nachtrag, 16. Juli: Zukunft ist eines der verlogensten Wörter, die es gibt. Sie befand sich damals schon, als ich selbständig zu denken begann, in den Händen der Manipulateure. Zukunft ist die Jungfrau, mit der jeder ins Bett möchte – schrieb ich irgendwann. Was geschähe, gelänge solche Liebe, weiß keine Sau. Auf jeden Topf paßt ein Deckel, sagte unsere Mutter. Das sollte trösten. Ein paarmal war ich Topf, ein paarmal war ich Deckel, der Satz ist nicht falsch. Wird es heiß, klappert der Deckel, die Hitze entweicht. Die Auflistung der tonangebenden Berufe dort oben, am Beginn des Textes, ist unvollzählig. Ich wollte sagen: Wenn sich Geist der Macht unterwirft, verliert er Macht. Es wäre wichtig, das zu verstehen. Ich nenne nicht eigens die Namen unserer anerkannten Denker. Anschleimen marginalisiert.
Stück für Stück
Bis man versteht, braucht es etliche Zeit
Das paßt. Es war im selben Jahr, nämlich 1995, daß ich Townes Van Zandt sah und hörte, ich war kaum dreißig Jahr alt und kapierte knapp, daß dort auf der Bühne im Alten Rathaus in Göttingen unter dem Firlefanz der ehrwürdigen Wappen und bildlichen Darstellungen der städtischen Hanse-Vergangenheit jemand Fremdes um sein Leben sang und spielte. Mir war auch, als zitterte er. Zwischen ihn und seine Lieder paßt kein Blatt Papier, wußte ich sofort. Wo zur Hölle bin ich hier? begann er sein Konzert und brachte es dann durch. No Deeper Blue ist ein Album für lange Zeit. Ich hörte es damals wieder und wieder, vor allem Cowboy Junkies Lament, ein Widmungsstück. Ich könnte es mitsingen, ja.
So geht das, so ist das, kein Bedauern
Intonation
Was ich an Steve Earle mag – wie er die Worte ausspuckt. Jemand, der die Kunst aus dem Leben gewinnt und sich als ein Künstler hineinwirft. Anfangs schonungslos, ahnungslos, verantwortungslos. So ist das junge Leben. Später besonnener, näher am Selbst. Der Prophetenbart der letzten Jahre täuscht. Er ist noch nicht fertig. Der Tod seines Sohnes bedarf anderer Betrachtung. Ich werde statt eines Songs von Justin Townes Earle einen von Townes Van Zandt anfügen. Benötigt ein paar Minuten. Gleich geht es weiter auf Texte und Tage.
Strafanstalt
Ungeheuerlichkeit – die Einen können heraus, die Anderen bleiben drin. Eingesperrt. Man sperrt Menschen ein, zur Bestrafung begangener Straftaten und zur Verhinderung erwartbarer Strafhandlungen. Was soll da ein Konzert in der Besserungs- und Verwahrungsanstalt? Vielleicht eine Ihr-seid-nicht-vergessen-Botschaft, eine Erinnerung an Johnny Cashs Auftritte. Gut für die publicity der Stars, gut für die Anstalt. Die Knastis müssen nur noch hindürfen, sich die Tage und Wochen und Monate davor gut benehmen, dann wird es schon ein gutes Ding. Nein, wir machen uns nichts vor, es sei denn, wir machen uns was vor.