Das Putzige als Abstellkammer des Unverstandenen

Die Eitelkeit der Männer, ihr unausstehliches Platzhirschgebaren. Ich erinnere mich eines Konzerts von Steve Earle in der Columbiahalle, da sagte ein Freund neben mir, der sei ein echtes Alphatier. Schon ekelte ich mich und brachte derart informiert oder desinformiert das übrigens mäßige Konzert noch zuende. Steve Earle war arriviert, das war neu. Zugleich denke ich an meine kanadische Tante, die einst denkwürdig sagte: Mann bleibt Mann, und wenn er im Bett liegt und hustet. Eine süße Art der Anerkennung habe ich ihrer Aussage entnommen, die mich bis heute rührt. Ich erkenne die Eitelkeit und das Platzhirschgebaren ständig. Das Raumgreifende, das Übergreifende, das Auftrumpfende. Akte der Hilflosigkeit und Unterlegenheit. Man muß solche Männer gegenlesen. Da aber zwischen den Geschlechtern die Wahrheit niemals ausgesprochen sein darf, wird dies nicht geschehen. Umgekehrt könnte man (wer bin ich) die Tricks, die Allüren und Scharaden der Frauen in die Sicht nehmen. Es wäre interessant, doch es wird nicht geschehen. Im dummen Fall gibt es Verurteilungen zugunsten der eigenen geschlechtlichen Position, im dümmsten Diffamierungen. Lustig sind mir Männer, die mich dominieren wollen.

Das Putzige als Abstellkammer des Unverstandenen

Auf und ab

Was ist los? – Nichts ist los. Rentnerland, Sprachlosland. Man klappert durch die Gänge und drückt auf den nächsten Knopf. Fahrstuhl hoch oder lieber hinunter. Gut, daß es nicht mehr so heiß ist. Man kommt ja kaum mehr zum Denken. Als hätte das erkennbar jemals stattgefunden. Man findet sich ein im vorformatierten Einverständnis, schaut die Nachrichten wie früher, als sei es wie früher. (Es ist nicht früher, es ist jetzt.) (Daß mir nun lieber ist als jetzt, wurde bereits ausgeführt.) Wer früher aufsteht, kann eher arbeiten. Während man arbeitet, muß man nicht denken. Das ist löblicher Verzicht. Nichts ist los – sie machen alle weiter wie bisher. Die einen stapeln Steine hoch, um eine Brandmauer aufzuschichten, die anderen sagen, so schlimm sind wir gar nicht. Ich vermisse Humor. Da es aber um Jobs geht, die eigene Zukunft und Plätze am spendenden Busen von Mutter Staat, ist das politische Gerangel beachtlich. Das drückt auf die Wähler, die sich stimmlich entlasten. Wohin treibt Deutschland? jodeln die Moderatoren und schauen in die Kamera, als sei sie das eigene Kind oder eine weitere ermahnenswerte Person. Profis. Mich beschäftigt das Unseriöse der Seriösen. Dem gehe ich nach. Die Parteien und Gegenparteien können mich. Das erkennbar Intellektuelle unserer Republik ist bescheiden, selbst die einstigen Allesversteher gurgeln repetitiv vor einem Spiegel zerspringender Selbstimagination. Vor zehn oder fünfzehn Jahren behauptete ich, daß die anstehenden Probleme allein politisch nicht mehr zu lösen seien – wir benötigten eine neue Kultur. Daß die Verhältnisse wie ein Schiff weitertreiben, bis es an etwas zerbricht, macht mich beinahe wahnsinnig. Wie kann man denn nicht erkennen, was gerade passiert! – Was ist los? Scheinbar nichts ist los. Es wird Fußball gespielt, der Fernseher läuft, im Supermarkt gibt es zu kaufen. Die Kriege sind woanders. Der Fahrstuhl ist defekt. Jetzt wird es ernst.

Auf und ab

Dicht gepackt oder Dribbling ohne Torschuß

Es hat sich dermaßen viel aufgestaut zwischen den Leuten, den Freunden, den Verwandten, den Bekannten, den Nachbarn, den Kollegen und den Unbekannten, daß wir miteinander Jahre werden verbringen können, um das zu besprechen. Im Politiker- und Sozialpädagogendeutsch reden sie von ‚aufarbeiten‘. Dauernd soll in Deutschland gearbeitet werden, man arbeitet und wählt sich buchstäblich um den Verstand. Kleinformatierte Typen haben das Sagen, aus Mitgefühl drückt man den Daumen, daß sie ihre Rede fehlerfrei überstehen. Dies in alle Richtungen ausgebend, mein Mitleid kennt keine Grenzen, das begann schon als Kind. Steht jemand am Redepult und beginnt seine Aufführung, schäme ich mich mit. Selten einmal wird es schön, ergibt sich Erleichterung. Derzeit wünsche ich mir Eines von allen Seiten des Streits und der angeblich unüberbrückbaren Gegensätze, nämlich Mäßigung. Maß und Mitte sind die Geheimnisse guter, und das heißt: nachhaltiger Politik. Daß Begriffe wie Nachhaltigkeit etc. derart kaputtgegangen sind, daß ein jeder, der bei Halbverstand ist, schon die Augen verdreht, weil er es einfach nicht mehr hören kann, liegt an der Penetranz der Werbe- und Propagandabeschallung. Ich bin seit Jahren taub für Appelle, und sei es aus ästhetischen Gründen. Fickt euch, denke ich regelmäßig. Dann gerate ich zurück in die Mäßigung und erkenne, daß alle Beteiligten am Spektakel … rotieren. Rotieren heißt herumgewirbelt sein oder werden. Wo wird ein Herumgewirbelter landen? Auf dem Rasen neben dem Spielplatz oder im Gebüsch, hoffentlich körperlich unversehrt. Halbverstand ist nicht Vollverstand. Bei Vollverstand könnte man verstehen, daß wir allesamt zusammengehören und tatsächlich nachhaltig handeln sollten. Wo soll das hin? frage ich bei jeder Aktion, die seitens der politischen Funktioner und Funktionseliten vorgeschlagen und exekutiert wird. Insbesondere die irrwitzigen Kriege … Wir werden den nachfolgenden Generationen Rechenschaft schuldig sein. Nicht auf die plakative Art, die wir propagandistisch kennen, sondern auf eine grundlegende Weise. Was sollen die denn von uns denken? Ich möchte mich meines Lebens nicht schämen. Nicht dem meiner Generation. Nicht dem unserer Zeit.

Dicht gepackt oder Dribbling ohne Torschuß

Das innere und äußere Lexikon

Während des Studiums lernten wir, die Bedeutung eines Wortes bestimme sich durch seinen Gebrauch. So lautete der pragmatische Ansatz, der sich keinen Ärger einfangen mochte. Für mich war das unbefriedigend. Wollte man der Sprache und dem Sprechen auf den Grund gehen, so dachte ich, müßte man sich der Wortbedeutungslehre widmen und sie etymologisch grundieren, um sie erstdann am aktuellen Sprachgeschehen zu schärfen. Ich wurde enttäuscht. Die Semantik kapitulierte vor der Pragmatik (Wortverwendungslehre). Dogma: Es gibt keine eigentliche Wortbedeutung, sie fließt und ist flexibel. Einverstanden hinsichtlich der Veränderungen und Bedeutungsverschiebungen, jedoch nicht als Dogma. Es gibt neben dem sprachlichen Sturz nach vorn, der Offensive, auch die Bemühung um eine Rückversicherung des Sprechens und Schreibens nach einem Eigentlichen, nach einem Ursprung, einem Halt. Daher gibt es Wörterbücher. Die soll man niemandem opfern. Ob Wörterbücher rechthaben? Was für eine Frage! Wörterbücher sind Verzeichnisse, einstweilige Auskünfte, bestmöglich erstellt. Ideologie hat dort wenig Platz. Deshalb möchte sie mehr.

Das innere und äußere Lexikon

Nicht aller Tage

Es soll nun wärmer werden nächster Tage. Nun, so mag es wärmer werden. Texte entstehen aus solchen Anfängen. Nun ist eines meiner Lieblingswörter, ein Adverb. Es sieht von beiden Seiten schön aus. Nun ist weicher als jetzt. Jetzt spritzt auf und sorgt kurzfristig für Aufsehen, während nun in die Ebene fließt. Die Aura der Worte ist ihr Atmen, eine leise Ausdehnung ohne worteigene Absicht. Alltagssprachlich bleibt das unerkannt. Wenngleich …

Nicht aller Tage

Spielkarten

„Hab‘ dich lieb“, sagen die Hollywood-Filmmütter und Hollywood-Filmväter zu ihren Kindern, wenn sie zu Bett oder zur Schule gebracht werden. Damit die Kinder das nicht unterwegs vergessen, auf dem Weg in den Schlaf oder den Unterricht. – Hätte man mir als Kind solches dauernd zugesichert, wäre ich in Zweifel geraten, vermutlich instinktiv. Dasjenige, worüber am meisten gesprochen wird, fehlt substantiell am stärksten – jenes aber, worüber geschwiegen wird, ist das Mächtigste. Als Kind wußte ich das sicherheitshalber noch nicht.

Spielkarten

Mit Herkunft

Die Taschen der löchrigen Jeans geleert, die in die Trommel der Waschmaschine gestopft wird, einen Fünf-Euro-Schein entdeckt, ich hielt ihn für einen dieser elenden Kassenbons, mit denen wir heimwärts laufen, wenn die Einkäufe getätigt sind, und früher nahmen wir uns vor, genau zu prüfen, ob die Abbuchung später korrekt ausfallen würde, sofern wir per Karte zahlten, wie es heute alle Welt tut, aus Bequemlichkeit, wie jeder weiß, denn sonst müßte man zum nächsten Geldautomaten und trüge Bargeld bei sich, das einem geraubt werden könnte in einem Moment des Unbedachtseins oder mangelnder Vorsicht. Der Schein war ein wenig zerknittert, ich nahm ihn freudig auf und steckte ihn zu den anderen kleinen Scheinen ins Portemonnaie, dessen „neue“ Rechtschreibung als ‚Portmonee‘ sich nicht hat durchsetzen können. – Ergänzung: auch ‚Spontanität‘ ohne e hat Schwierigkeiten.

Mit Herkunft