Ich singe mir so

In Ruhe und zusammenhängend denken. Die einzelnen Gedanken ordnen und verbinden, so daß sich aus den einzelnen Schritten ein Weg ergibt, der dorthin führt, wo man zuvor noch nicht gewesen ist. Darin dem Leben gleichend, das trotz der Abwege und Umwege und gewisser Kreuz-und-quer-Bewegungen auch wohin führt, nämlich an sein Ende – so einstweilig dieses sein mag. Das Ende kann ein Anfang sein. Wechsel der Existenzform, sofern die Zeit nach dem Tod noch Existenz bedeutet. Das Wichtigste wissen wir nicht. Wir können es ahnen, manche werden es „sehen“, in visionärer Schau oder mystischer Einkehr (die zugleich Zuwendung ist).

Ruhe ist das Gegenteil von Aufregung und Lärm. In ihr ist das Gesetz des Handelns ausgesetzt, der Zwang einer Freiheit gewichen. Ruhe bedeutet, daß nichts Äußeres los ist. So mag Inneres geschehen und sich entfalten, nicht expressiv nach außen drängend, so mein Ideal, sondern atmend. Wenn ich auf solche Weise schreibe (also denke und mich vorwärts bewege – ich weiß noch nicht, wohin), bringe ich mich selbst zur Ruhe. Als sänge ich mir ein Schlaflied, so überraschend es klingt. Ich singe mir so: Es war viel los in letzter Zeit. Spring nicht über jedes Stöckchen, das man dir hinhält. Du hast längst begonnen, dir zu vertrauen.

Noch immer fürchte ich das Schreiben, jedes einzelne Mal. Als könnte es nicht, sondern müßte mißlingen. Schreiben ist wie leben, nur in Buchstaben. Leben heißt Schritte setzen. Da ich das Schreiben fürchte, ängstigt mich wohl das Leben. Wie einen die Tiefe des Wassers ängstigt, obwohl man zu schwimmen gelernt hat. Auch das Leben ist abgrundtief, weshalb wir die Oberflächlichen verstehen und bestaunen. Daß es ihnen gelingt, ein jegliches auf die naheliegendste Weise zu nehmen und zu nutzen. Allerdings wird es ihnen ungemütlich, wenn jemand fragt und bohrt. Keine Ahnung, sagen sie dann. Oder: Ja. Plötzlich sitzen sie nicht mehr richtig, wollen weg.

Ich kann nicht sagen, daß es exakt dort für mich anfängt. Auch für mich beginnt es bei der einfachen Bedeutung. Die Tür schließt den Raum und öffnet ihn, aber nicht beides zur gleichen Zeit. Die Tür ist darüber hinaus Symbol oder Metapher. Die Pforten der Wahrnehmung und wie man sie öffnet. Man soll die Bedeutungsebenen nicht vermengen. Die Tür hinter meinem Schreibplatz ist geöffnet, alle Räume sind miteinander verbunden. Vorhin habe ich Stimmen gehört, die drangen durch das Fenster des Nebenzimmers und gelangten bis an mein Ohr. Ich befinde mich in guter Ruhe, bin vorsichtig und neugierig zugleich, welchen Schritt ich als nächstes beschreiben werde.

Ich singe mir so

Wer sind die? 2

Wäre ich eine Kirsche und man pflückte sie vom Baum, bisse begierig und unbedacht ins süße Fruchtfleisch, bekäme man es mit dem Kirschkern zu tun. Da ich keine Kirsche bin, läßt sich der Kern nach Genuß der Süße auch nicht ausspucken.

Wir sind Menschen, begleiten einander, lassen uns nicht nehmen. Daß es versucht wird – geschenkt. Möge ein jeder nach eigener Möglichkeit und auferlegter Bedingung wachsen und erblühen.

In uns pocht das Leben wild und frei, eine Zeitlang doch wohl schon. Dann zähmen sie ein und verwandeln uns ins Nützliche. Was zuvor als unnütz anzusehen war? Wie bedenken wir die eigene Natur, sofern wir bereit sind, auf Schmeicheleien zu verzichten?

Wir hören sagen: Das ist ein kultivierter Mensch. Spräche man auf solche Art von mir, könnte ich mich freuen. Zum anderen Teil müßte ich mich fragen, ob ich etwas falsch an mir machen ließ.

Woher rührt dieser Zwiespalt? Doch wohl daher, daß die Balance nicht stimmt. Wir sind keine Zirkusäffchen, keine Automaten. Natur und Kultur des Menschen werden ständig neu austariert, Aufgabe einer Zivilisation. (Ich lese das Wort Leihmutter …)

Wer sind die? 2

Keine Bückware

Ich lief mal heim, da war es schon spät. In einem Pappkarton lagen Verpackungen mit alten Film-DVDs, die hatte jemand auf die Straße gestellt. Zu verschenken. Es war spät, ich mochte mich nicht bücken, mußte auch mal. Der schmale Grat (The Thin Red Line) von Terrence Malick befindet sich nun in meinem Besitz. Ich habe ihn bereits zweimal gesehen, ist aber lange her. Zum Glück besitze ich ein DVD-Laufwerk, um erneut in Szenen zu geraten, die zuallererst vom Gras handeln, vom Wind, und erst dann von der Gewalt, die ein Krieg mit einer Schlacht dorthin bringt, wo zuvor nur Wind und Gras war, angeblich. Kriegsfilme sind Heldenmist. Dieser nicht.

Keine Bückware

Gefangenschaft

Es gab ein Verhör, ich mußte antworten. Das sollte zackzack gehen, die Befugten waren nicht zimperlich. Was ist Moderne? schrien sie mich an. Ich sagte: Technik. Sie forderten mehr. Ich sagte: Fortschritt. Sie nickten lustlos, beschrieben ironisch anfeuernde Bewegungen mit einem Arm. Ich sagte: Einsamkeit. Ich sagte: Kälte. Ich setzte nach: Komfort. Ergänzte: Geschwindigkeit. Ich sagte: Anonymität. Aber das heißt doch Namenlosigkeit, sagte einer der Befugten. Wie lautet dein Name? wollte er wissen. Ich scheine geantwortet zu haben. Er fragte: Woher hast du diesen Namen, hast du ihn selbst dir gegeben? Ich mußte verneinen. Also woher erhält man einen Namen in deiner Kultur? Von den Eltern, die dürfen das, die können das, die müssen. So geriet es aus mir heraus. Ich fühlte mich wie an die Wand gestellt. Gegenfragen waren nicht erlaubt.

Gefangenschaft

Jeweils und dort

„Manhattan bietet eine einzigartige Mischung aus weltberühmten Sehenswürdigkeiten, kultureller Vielfalt und urbanem Lebensgefühl, ideal für Sightseeing, Kultur und Kulinarik.“ (Copilot Search auf Bing) Kulturelle Vielfalt ideal für Kultur … die Künstliche Intelligenz baut Schleifen und läßt Kultur als Konsumgut verglimmen. Soll mich solche Leeraussage, die auch einer natürlichen Intelligenz zuzutrauen wäre, aufstören oder empören? Keineswegs, ich stieß auf sie, gerade eben, und ziehe sie an mich. Reiseführer sind mitunter ähnlich verfaßt – man muß ahnen, was es jeweils und dort zu finden und erkunden gibt. Bereits das Wort Sehenswürdigkeit läßt mich (Reiz und Reaktion) zusammenzuzucken, die Würde verlangt nach Antwort. Kulturelle Vielfalt soll vermutlich bedeuten, daß etwas Buntes zu besichtigen und zu erproben ist – daß nicht alle Haferschleim (Kulinarik) essen oder Parteiuniformen tragen. Sightseeing ist dagegen ein ehrliches Wort. Man fährt vorüber, schaut drauf, ist fort. Stadtrundfahrt. Ab nach Manhattan. Der Central Park heißt im selben Text Grüne Oase. Poesie ist überall. Was könnte einer wie ich dort tun? Vielleicht auf der Fensterbank sitzen, 45. Etage, auf die umstehenden riffähnlichen Hausgebirge schauen, über Einsamkeit meditieren.

Jeweils und dort

Daß sie es bis hierher geschafft haben

Heißer Tag, schwül, drückend. Flüsterregen zum Abend, die Gewitter zogen in Hörweite vorüber. Wolkentürme hatten sich gebildet. Eines meiner Lieblingswörter: Landregen. Wegen der Gewittergefahr blieben die Biergärten auf dem Großen Feld geschlossen, Blaue Stunde und Tempelgarten. Ich hätte gern dort gesessen im Schatten der Robinien und die Wolkenbänke betrachtet. Morgen ist ein weiterer Tag, es soll abkühlen. Wir besprechen das Wetter wie ein Orakel, der Aberglaube ist zurück (war kaum je fort). Wie erfrischend es klingt, wenn der Regen fällt. Einen Regentanz barfuß, aber Vorsicht mit den Scherben und Splittern auf dem harten Asphalt. Hier wirft man weg, was man nicht mehr braucht. Unguter Brauch. Jetzt tropft der Regen. Neue Wolkenherden ziehen nach. Schon fällt mehr von oben nach unten. Ich bin regensüchtig.

Daß sie es bis hierher geschafft haben

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Die Nacht soll atmen, ich koste mich aus. War unterwegs, bin heimgekehrt. Schön hier. Die Frau, die sich mir zeigte, war voller Tätowierungen. Ich dachte: Warum läßt du dich bekritzeln. Die Fertigen fragen, wann sie mit Berlin fertig sind. Sie nehmen die Stadt oder sich selbst ernst. Auch ich entstamme dem Drama. Etwas soll sich ändern oder muß. Bei sich selbst beginnen, dann entsteht Kultur. Kultur ist Lebenspraxis, Ausübung von Wissen und Können, freundlich und unwiderstehlich. Darauf jede Wette. Noch deutlicher: Wenn du es anders haben willst, dann lebe anders. Auch zu mir selbst.

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Nach einem Gespräch mit einem Pessimisten

Schöne Texte schreiben, interessante und gefährliche, dadurch auch gefährdete, ja was denn sonst. Dieses eine Leben ist der Ernstfall, da soll man sich erfüllen und andere beglücken. Man müßte Freudentänze wagen. Dagegen die schalen Ideen der Machtmechaniker und Stabilisatoren, ihre ausrechenbaren Vorstellungen vom quantitativen Glück, den Versprechungen auf ein garantiertes Nichts. Viel Getümmel auf der Zielgeraden zum Untergang, doch sicher nicht des Lebens, lediglich einer Form. Wir werden sie überstehen, sofern wir selbst lebendig sind. Auch die Alternativen werden abplatzen wie trockene Borke, zu Boden fallen wie Wundschorf. Das Leben ist stark, es überlebt uns alle.

Nach einem Gespräch mit einem Pessimisten