Lese ich Texte und Tage, lese ich Textaufgabe. Man kann die Worte kaum unter Kontrolle halten. Sie agieren wie von selbst, setzen sich frei. Deshalb auch verlese ich mich dauernd, gerate in Witzmomente. Der Geist folgt nicht zwingend den Konventionen. Scherben schneiden stumpf.
Autor: Holger Tegtmeyer
Zöpfe flechten
Das Blau sollte schwarz sein wie die Nacht. In den Augen der See sind wir Sinkende. In den Himmeln singen sie Wiegenlieder. Gibt jemand Alarm, verlassen wir das Haus. In Bunkern modern Erinnerungen. An den Wänden stehen naß die Parolen älterer Zeit. Am Kanal sind Zelte aufgestellt. Die Sonne versorgt mit Sonnenbrillen. Ich kann dir nicht in die Augen sehen. Hauptsache durch; noch ist Winter, stampft die Faust. Verklebte Wimpern. Du bist so schön.
Feuerpferd bremsen
Von jeher fordert der Frühling heraus. Er ist keine Persönlichkeit, sondern ein Geschehen. Zur Gottheit fehlte nicht viel. Bleiben wir kühl, sagen wir: Phase. Kein Wort ist besser als ein anderes. Als Dezemberkind verharre ich in Skepsis, als Enthusiast gerate ich in Verzückung. Die Rückschläge werden nicht auf sich warten lassen. Zudem: Halten wenigstens wir uns in Frieden, wenn die anderen es versäumen.
Mit dem Kopf durch die Wand
Bevor die Münder sich finden, stoßen die Nasenspitzen aufeinander, das ergibt eine kurze Irritation. Ob Küssen Beatmung, Ernährung, Immunaustausch ist, geht uns nichts an. Der Frühling macht küssen oder wird es. Übermorgen soll es regnen, wenn auch nur schwach. Hier ist Berlin, eine der ausgemachten Trockenzonen des Landes.
Nicht aller Tage Abend
Unterschiedlich empfinde ich die Farben der Überschriften auf diesen Seiten. Manchmal möchte ich zurück ins alte Grau, dann wieder erfreue ich mich der Farben. Das wird eine Weile noch so gehen, dann entscheide ich. Moosgrün und schwarz sind auch sehr schön. Moosgrün wird bleiben.
Märztraum
Müde vom Nachschlaf. Die Sonnentage zehren aus. Niederschlag fehlt, die Pflanzen warten. Träume in eiliger Folge, in einem bewohnte ich eine heruntergekommene Trabantenstadt und versteckte neben einem Hauseingang eine Filterkaffeemaschine im Gebüsch, wollte sie mit Dornengesträuch zusätzlich tarnen, stach mich dabei und beließ es. Die Maschine stand auf dem Gepäckträger des Fahrrads, das ich an mich genommen hatte. Es stand auf dem Plattenweg herum und war nicht angeschlossen. Ich wollte fort von dort, denn es hatte Streit gegeben. Die Kaffeemaschine könnte ich später holen – schnell ins sogenannte Grüne, in den graumatschigen Auwald. Ein Bild aus der Streitszene: wir stehen auf unterschiedlichen Seiten des Maschendrahtes eines Fußballkäfigs. Auf den Dachgeschossen der umstehenden Wohnsilos sind Kinderschaukeln installiert. Hält eines der Kinder sich nicht fest, fliegt es über die Brüstung in die Tiefe. Ich mache darauf aufmerksam, niemand hört zu. Ich werde beleidigt, hätte gar nichts zu sagen usw.
Kick
Die Gebeine lagen trocken und klar auf dem Grund. Man machte Gelenke, Knorpel, paar Sehnen aus. Dicke Stränge zeigten eine Wirbelsäule. Weiches umflorte in Schläuchen die Installation der Natur. Gedärm trieb auf und vollendete sich in Hirnähnlichem. Die glutroten Wolken darüber verdichteten sich zu Unheil im Auge des Betrachters. Eine Tanzfigur stellte sich heraus. Sie winkelte ein Bein an und berührte mit der Sohle des linken Fußes eine kleine Person, die ins Höhere sollte.
Der Sinn des Wortes Gegenstand
Sie irrt durch die saubere Wohnung mit den reinweißen Wänden und Möbeln, starrt auf die Photographien an den Wänden, die Menschen zeigen sollen, die zu ihr gehören. Die Möbel stehen an ihrem zugedachten Ort, die Fenster leiten den Blick in Garten und Nachbarschaft. Der Schrecken der Nichtliebe durchtrennt sie von allem, und es wäre falsch, sie in der Fremde zu wähnen. Sie ist dort, wo einfache Gegensätze nicht zählen.
Durchzogen von Schwermut
Werde dir selbst interessant! – Darf man das empfehlen? Ich würde nichts empfehlen, da ich nicht haften kann. Doch Interesse setzt Distanz voraus. Sie könnte ein Anfang sein. Nimm dich nicht zu selbstverständlich! – Darf man das fordern? Mir ist unklar, wer man ist. Doch ich antworte wie folgt: Ich habe mich nie selbstverständlich gefühlt, im Gegenteil. Ich habe mich als Problem identifiziert. Wollte ich mich damit interessanter machen, als ich bin? – Ganz sicher, mein Naturell ist durch und durch dramatisch.