Ungeschützt

Sonne strahlt auf nacktes Land. Die Straßen sind lang. Bleiche Gespenster sitzen mit riesigen Sonnenbrillen vor den Backshops, zeigen sich anwesend als das, was sie sind. Nachts minus, tags plus. Einige beginnen zu leben, spüren was. Ein jahreszeitlich abgesicherter Optimismus macht sich breit. Es wird schon werden. Die Weltlage ist neuerlich verändert, man weiß nicht recht. Monumentale Müdigkeit.

Ungeschützt

Mond und Mann

Er steht am Bahnsteig und wartet. Da erblickt er den Mond, der rund am Himmel hängt wie angeschlagen. Er sucht nach Makeln, findet keine. Das muß der volle Mond sein, denkt er. Aber da man ihm beigebracht hat, seinen Sinnen zu mißtrauen, sieht er auf dem Gerät nach. Jetzt weiß er, daß Vollmond ist. In der Bahn sitzt er neben einem, der Uniform trägt und Gewalt ausschwitzt. Ohne sonderlich nachsinnen zu müssen, weiß er, daß dieser Typ zu jenen gehört, auf die die Machthaber werden setzen können, wenn sie Lager einrichten, um Gegner als Feinde zu mißhandeln. Nein, beweisen läßt sich eine solche Gewißheit nicht. Daß sie keine ist, regt sich die Hoffnung. Er atmet tief durch, als er den Waggon verläßt. Der Mond ist noch da. Sein fahles Licht. Von wo aus sehen ihn die Menschen?

Mond und Mann

Texte und Tage

Ich bin aufgeregt, bin es den ganzen Tag schon. Nun sind wir hier unter anderer Adresse. Warum schreibe ich „wir“? Da ich mich nicht allein fühle, vielleicht. Da es einen Einzelnen gar nicht geben kann? Ich weiß das nicht. Mir ist das Ich zu klein, doch soll es weiter sein. Seltsam die Gefühle neuer Verortung hinsichtlich der Künstlichkeit des Ganzen. Ich bin nicht umgezogen, meine Texte sind es. Dennoch ein Umzugsgefühl. Als hätte man was geschafft, als sei aus- und umgeräumt worden. Willkommen hier! Auch ich muß mich gewöhnen, vielleicht dauert es gewisse Zeit, bis ich mich zuhause fühle in jenem ironischen Sinn, den das Internet uns lehrt. Dennoch: Herzlich willkommen!

Texte und Tage

Das Ich kann weg

Unterwegs in der großen Stadt. Fahrt mit der Ringbahn, Fußweg durch Charlottenburg. Eisschollen auf dem Lietzensee bei achtzehn Grad Außentemperatur. Noch ist Winter. Sitze in einer Kiezkneipe, in der es früher leckere Buletten gab, ehe sie politischerseits beschlossen, daß in Raucherkneipen kein Essen auszugeben sei, ohne mitzuerklären, was der Rauch mit dem Essen oder das Essen mit dem Rauch macht. Blicke aus dem Fenster, tue nichts sonst, außer ab und zu einen Schluck zu nehmen, Köpi vom Faß. Die Barfrau humpelt. Ein Paar bespricht sein Abendessen. Die meisten Gäste sitzen draußen, nutzen die Wärme wie ein Geschenk des Himmels.

Das Ich kann weg

Von allem fast nichts

Wie ein törichter Akt zu bewahrender Souveranität das gestrige Nachhausegehen und Zuhausebleiben gegen das Verlangen der Sinne nach lebendiger Wärme und geselligen Austauschs des allerneuesten Wissens in der Geschwätzigkeit eines Abends unter halb bekannten, halb unbekannten Menschen. Was weiß man schon? Widerstehen lernen als Lebens- und Überlebenspraxis – ein Heroismus an falscher Stelle, gewiß. Ich hätte mich hineinwerfen sollen ins steinerne Becken des städtischen Lebens. Aber etwas in mir mag allein sein, wenn die anderen sich finden. Woher das stammt, weiß ich ungenau. Was man von sich weiß und den anderen.

Von allem fast nichts

In der Wärme des Vorortzuges

Im Abteil roch es nach Urin. Es war erträglich. Als stünde man während eines Konzerts in Windrichtung der Dixi-Plastiktoiletten und überlegte noch, ob der Stehplatz trotz guter Sicht aufs Hauptgeschehen länger zu halten wäre. Schließlich müßte man weichen oder sich übergeben. Die menschlichen Wracks unter uns – wohin sie auch gehören. Daß sie unerträglich werden, ist nicht die Neuigkeit. Die Neuigkeit wäre, daß geholfen werden kann.

In der Wärme des Vorortzuges

Als die Büroklammer vom Tisch fiel

Ein dümmlicher Film ist immerhin für ein Zitat gut, kein Leben so vertan, daß es nicht als abschreckendes Beispiel dienen könnte. Die ersten warmen Tage machen die Leute toll. Berlin strömt sich aus, als gäbe es kein morgen. Die Menschen wollen leben, man sieht es. Kaum scheint die Sonne und wehen die Winde günstiger, hebt das alte und ewig junge Spiel von Lust und Verführung an, erneuert sich in der xten Vorführung seiner betörenden Macht. Deshalb ist der Frühling ein Spektakel, nicht trotz, sondern wegen der Grausamkeit und gräßlicher Rückschläge. Man treibt den Stier in die Arena zum Verbluten. Vorher eine Art Kampf, ritualisiert und in gewisser Weise abgesprochen. Gott würfelt nicht. Der Zufall dient der Notwendigkeit. Leben und Tod reiten triumphal durchs Siegertor.

Als die Büroklammer vom Tisch fiel

Aus dem Zusammenhang 375

„Ich habe alles versucht. Ich habe es mit dem Thema Ethnie versucht, dem Thema Gender; Transsexualität; dem Thema Grenzen; den Obdachlosen; dem Thema Krieg, den Wahlen, Abtreibung, dem Klima. Das Ding mit den Induktionsherden, Israel, Impfstoffen, Leihbüchern, Pronomen, AK47, dem Sozialismus, BLM, CRT, Seuchenschutzbehörde, diversity und Inklusion, 5G – ich habe alles versucht, hab‘ ich alles durch, interessiert keine Sau. Die Menschen sind alle taub, ich weiß nicht warum.“

Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery [2025]

Aus dem Zusammenhang 375