Wie Zigaretten

Stirbt jemand, werde ich kalt wie der Tod. Trifft eine Todesbotschaft ein, frage ich nach den Umständen. Gefühle habe ich selbst, doch ich weiß noch nicht, welche. Die Umstände sind das Wichtige, so unwichtig sie später auch werden. An ihnen entlang läßt sich berichten. Wir sind im sogenannten Diesseits. Ein Jenseits, sollte es existieren, kennen wir nicht. Stirbt jemand, wünsche ich eine gute Reise. Fliege weit, schöner Vogel. Mir selbst eine später. Die Tage mögen stets gezählt sein, nur daß die Zahl allein nichts bedeutet. Wir wurden damals heimgesucht vom Tod, nicht zu knapp. Seitdem bin ich so.

Wie Zigaretten

Loch

Wenn jemand stirbt, weiß er nicht sogleich, wohin. So irrt er herum, tagelang. Körperlos, schwerelos, leidlos. Vielleicht über allen, vielleicht durch andere. Die schluchzen, barmen, vermissen. Schmerz der Verlassenen. Sie zürnen dem Abtrünnigen. Hätte er nicht länger zu ihrer Gunst und ihrem Gefallen verweilen können! Das Beste an Tatsachen ist, daß sie sind, was sie sind. Daß sie noch mehr sein können, wissen wir und gehen damit um. Laßt uns gehen, sagen die Toten, damit wir wiederkommen können. Sonst haltet ihr nichts als Fetzen in den Händen. Selbst als Sterbliche dürft ihr bereits die Freiheit bedenken, jene nämlich, gehen zu lassen.

Loch

Morgengrauen

Sie stellt sich den Wecker auf 4:00 AM, strauchelt ins Badezimmer, öffnet den Wandschrank, findet den Pillenspender, öffnet den Mund. Das wird sie stabilisieren, für eine Zeitlang wenigstens. Später soll es ausschleichen, noch später verschwunden sein. Clozapin, ein Neuroleptikum. Sie wird heimgesucht von Ängsten, hört Stimmen, kann niemandem davon erzählen – nur berichten. Geht es Ihnen besser? fragt die behandelnde Psychologin. Wir können das Medikament nach Ihren Wünschen einstellen. Schlafen Sie gut? Sie setzt sich auf den Toilettendeckel und wartet, daß die Stimmen verstummen. Das müßte gleich geschehen. Nun ist es ruhig, die Stimmen sind fort. Die anderen schlafen noch. Familie. Sie setzt sich auf das Wohnzimmerfahrrad, das nirgendwohin fährt, und tritt in die Pedalen. Draußen wird es allmählich hell. Ihre Augen sind die einer Träumerin. Am Frühstückstisch versucht sie, ein Antragsformular auszufüllen. Unmöglich. Kreuze an falschen Stellen, sie zeichnet Pfeile, streicht durch. Die Tochter soll das Formular neu ausdrucken.

Morgengrauen

Sehen lernen

Nächte verbracht mit neun, zehn Stunden Schlaf, aufgewacht wie vor der Zeit, zur Toilette und zurück, die Bettdecke aufgeschlagen, das Kopfkissen aufgeschüttelt, den Gedanken an eine Fortsetzung des köstlichen Schlafs verworfen, stattdessen Wasser getrunken, an den Tisch gesetzt und erste Gedanken notiert, solche an den Tod und das Verschwinden eines Menschen, der noch ein paar Jahre hätte haben sollen, nun aber mit einem Mal nicht mehr. Welche Verbindungen bestehen zwischen Menschen, welche nicht? Frage ohne Antwort. Feine Fäden sah ich damals am Himmelsgewölbe zwischen den Sternen gewirkt, doch gewirkt klingt bereits zu grob. Die Fäden bestanden aus Punkten. Die Punkte wanderten, sie zogen in eine Richtung. Andere zogen in eine andere – Richtung. Der Himmel über dem nächtlich stillen See bildete eine Kuppel. Alle Sternenpunkte darauf waren verbunden. Der Gast aus der großen Stadt Paris hatte sich ins Gebüsch geschlagen und witterte Blut.

Sehen lernen

Wundmale

Durch die abendlich gefüllte Vorortbahn sprang und tanzte und sang ein schmaler, schmutziger, irrlichtener Komödiant und bettelte shakespearesk um ein weiteres kleines bißchen harttrockenen Geldes, um dem drängenden Bedürfnis nach neuerlicher Auffahrt in den Himmel der Entrückten und Beglückten Folge leisten zu können. Er zog eine Fahne infernalischen Gestanks hinter sich her, daß dem Publikum schlecht wurde vor Erstaunen. Betäubt senkte es die Augen und erwartete Erlösung. Die Jüngeren vermochten zu handeln, zogen in entgegengesetzte Richtung. Die Älteren und Alten blieben sitzen, gaben sich stoisch. Der Komödiant tollte weiter, beglückte die Menschen auch am äußersten Ende der Bahn. Sie hatten ihn geduldig erwartet wie die versprochene Segnung, waren ihm nicht entgegengeeilt wie die Jungen. Nun erst vernahmen sie die volle Botschaft des Sendlings.

Wundmale

Geld ist ein Witz, wenn der Hunger kommt

Es gibt zu viel, darum hat das Wenige keinen Wert. Ich bestelle, ich bekomme das Bestellte. Gefällt es mir nicht, sende ich es zurück. Ich möchte einen Song hören, ich kann ihn sofort hören. Bereitet keine Mühe, ist augenblicklich da oder hier oder

Das Wenige ist nicht das Einzige.

Dies ist ein Überflußtext, an den ich mich erinnern werde, wenn wir abermals zu wenig haben werden. So ist das mit den Menschen und den Zeiten. Die Einen haben zu viel, die anderen zu wenig. Wie mag das zusammenhängen?

Niemand frißt Geld. Geld beruht auf Geltung. Schluß mit lustig, gilt es nichts.

Geld ist ein Witz, wenn der Hunger kommt

Aus dem Zusammenhang 377

„Wir fangen so an, wie wir eigentlich sein sollen. Dann machen uns unsere Eltern zu etwas anderem. Dann versuchen wir immer wieder, uns zurückzuverwandeln. Aber wir können es nicht, weil wir wie eine Kassette sind, die man nur einmal bespielen kann. Ich wünschte, ich und meine Schwester hätten keine Eltern, dann könnten wir rein aufwachsen. Ich werde das Gleiche auf beiden Seiten der Kassette aufnehmen, damit es wie eine seltsame Schleife ist. Denn alles ist so – nur eine seltsame Schleife. Es dreht sich alles immer wieder im selben Kreis, es wird nur immer schneller.“

The Red Road, S1 E4

Aus dem Zusammenhang 377