Man kann jederzeit tot sein oder es werden

Sanftmut kam über mich, als sie mit einem Turnschuh nach mir warfen, da ich ausgesehen haben mochte wie jemand, der sie ablehnt, verachtet, sonstwas. Einer verfolgte mich, wollte seinen Turnschuh zurück, kam nahe. Ich solle seinen Turnschuh, mit dem er mich beworfen hatte, zurückbringen. Der lag mittlerweile im Gleisbett der Untergrundbahn, so war das. Schließlich verstand er, daß ich seinen Turnschuh, mit dem er mich beworfen hatte, nicht zurückholen würde, und warf das Buch hinter mir her, das er aus der Innentasche meiner Winterjacke hatte greifen können, Ich hörte die Eule, sie rief meinen Namen.

Man kann jederzeit tot sein oder es werden

Die Ergebenen

Ich kenne Leute, die haben sich eingebunkert in einen tristen Pessimismus. Wenn sie nur das Wort Mensch hören, winken sie ab. Angewidert von sich selbst? Sie laufen herum, als wüßten sie schon zuviel von allem, als hätten sie es allmählich satt, dieses Leben im Wohlstand und inmitten der Informiertheit. Die Dinge laufen schief, sagt ihr Blick. Sie sind schon ganz ironisch geworden vor lauter Wissen und warten vielleicht auf ihre Verklappung in den giftigen Ozean des Zynismus. Nur noch eine Frage der Zeit? Glauben tun sie gar nichts, an wen oder was denn bitte. Daß sie arbeiten, liegt daran, daß sie Geld verdienen müssen. Geld regiert die Welt, sagen sie.

Die Ergebenen

Augen zu

Das Leben kann jetzt ruhig sein. Nur ein Singvogel schreit vorm Fenster herum. In den Bahnen sitzen die Leute mit geschlossenen Augen. Sie sind erschöpft und zirkulieren in sich. Wenig führt nach außen oder irgendwohin. Auch bei mir: Einkehr in mich selbst, in meine Belange. Daß dort draußen Welt ist, weiß ich schon. Man hat sie mir gezeigt und den Dingen ihren Namen erteilt. Sagt jemand See, denke ich an die Eishockeyspieler auf dem gefrorenen Wasser im Engelbecken, Berlin-Kreuzberg – dabei ist das nicht einmal ein See, nur ein eingerahmtes Wasserquadrat mit ein paar patrouillierenden, strengen Schwänen darauf, sommers. Der Winter ist ein Winter, aber dies ist keine Pfeife. Auch die Künstler sind müde und müssen schlafen, schlafen, schlafen.

Augen zu

Kleine Schneeflockenmeditation

Leise und langsam schweben die Schneeflocken zur Erde und legen sich zu den anderen auf die Decke. Oft denke ich, daß tot gar nicht so viel bedeutet. Mir ist, als seien sie alle hier (oder dort), schwirrten herum, kämen hernieder wie Schneeflocken oder ließen wie Staubkörner vom Wind sich treiben. Ruhelos auf die unvergleichliche Art der Toten. Das sind die Gegangenen, die Vergangenen – die geistern hier herum und auch in mir. Wer mit wem Mitleid hat, ist nicht zu prüfen.

Kleine Schneeflockenmeditation

Noch mehr Neuschnee

Die Landschaft wie gemalt. Die größte Künstlerin heißt Natur. Ihr gelingen Farben und Formen, daß den Menschen der Atem stockt. Mit dem Menschen ist etwas entstanden, das ihre Werke und Wunder bestaunen kann. Selbst trägt er etliches hinzu und heißt es Kultur oder, sofern es keinen Zwecken unterliegt, auch Kunst. Die Schneelandschaft ist poetisch, eine Meisterleistung der Verwandlung bei sparsamem Materialeinsatz. Während die Kinder selig sind, murren manche Erwachsene. Sie fühlen sich den Zwecken unterworfen und möchten gute Diener sein. Daß die Kinder näher am Wunder leben, ist bekannt. Dieser Winter gibt uns die Chance, sich an ihn zu gewöhnen und zu beherbergen wie einen alten, für verschollen geglaubten Freund.

Noch mehr Neuschnee

Alptraum und Neuschnee

Dieses innere Frieren während der kalten Jahreszeit. Es läßt sich nicht dagegen anessen. Manchmal hilft ein warmes Bad, der Besuch einer Sauna. Die dauernde Kälte demoralisiert mich. Der Blick aus dem Fenster versöhnt – Neuschnee, rein und weiß. Man müßte etwas tun. Stattdessen elf Stunden Schlaf, ununterbrochen, wie nach einer Strapaze. Darin ein Alptraum, da ich zu einem weitverzweigten Forscherteam gehörte, das sich mit dem Werk von Georges Matan auseinanderzusetzen vorgenommen hatte. Ich verstand nur Bahnhof, wußte nicht, was von mir verlangt wurde. Immerhin sollte es Geld geben. Doch wer war dieser Georges Matan? Ein Historiker, hieß es, der mit seinen Arbeiten die Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg revolutioniert hatte. Das Forschungsvorhaben war groß angelegt, die Organisationskrake hatte bereits ihre Fang- und Schlingarme ausgestreckt. Prozeßplanung, Zielvereinbarungen, Organigramme, Ablaufschemata, Monitoring, Meetings, Präsentationen, Fördermittel, Finanzierung. Das komplette Arsenal an Unverzichtbarkeit. Schlecht gelaunt erwacht, und zugleich froh, nur der zu sein, der ich bin. Schneit es noch?

Alptraum und Neuschnee

Fehlstellen, Überbleibsel, Reste

Man kann uns zähmen. Doch etwas (in uns) bleibt wild und wartet. Schließlich oder endlich bricht es aus. Manche bringen sich um, andere jemand anderen. Die (zivilisatorischen) Formen sind gut und wirken haltbar, doch enthalten sie uns nicht vollends. Nimmt man das Leben und sperrt es in Begriffe, stellt sich fest, daß stets etwas heraushängt, überquillt, überbordet – sich nicht fügt. Solange solches passiert und bemerkt wird, besteht Hoffnung. – Fehlstellen, Überbleibsel, Reste: Titel eines Gedichtbandes, mag sein: zu defensiv. Bewegung des Rückzugs.

Fehlstellen, Überbleibsel, Reste

Vielleicht 2

Wenn ich schreibe, denke ich mitunter, daß ich mich verrate, preisgebe. Andererseits möchte ich lesbar sein, mich offenbaren, für Freunde und andere auch. Leben aber bedeutet vielleicht, sich zu verausgaben. Alles zu geben, wenig zurückhaben zu wollen. Es geht ohnehin nur um das Geben. Das weiß ich nun schon sicher. Wer weiß, was ich noch lerne demnächst. Halleluja.

Vielleicht 2