Glück ist Lohn, nicht Ziel

Minus neun, kalte Nacht in Berlin. In der Untergrundbahn waren sie fröhlich. Jemand schlief. Wir gehören zusammen, selbst wenn wir nicht wissen, warum und wozu. Wir teilen den Raum. Es kommt darauf an, wie groß man ihn mißt. Unruhen überall, das Leben zeigt und wehrt sich. Wenn wir uns treffen, laden wir Geschichten ab. Jeder bringt was mit. Kurz nur flammt auf das Wort Information.

(Daß Glück Lohn sei, nicht Ziel, habe ich bei Antoine de Saint-Exupéry gefunden, Citadelle, dt. Die Stadt in der Wüste.)

Glück ist Lohn, nicht Ziel

Dazu eine Musik

Das Leben ist ein Spiel, ließe sich denken, also spiele auch ich. Wird man älter, das geschieht wie von selbst, werden die Spiele zusehens fade. Die Spiele sind ausgespielt, so mag es ernst werden, dermaleinst. Ich mag und verteidige das Ungefähre, das die Entscheidungen vertagt und den großen Augenblick zeitverzögert erwartet. Vorher sind die Dinge ungeklärt. Das dürfen sie sein, kein Makel. Alle Verzögerung ist Vorbereitung auf das große Fest.

Dazu eine Musik

Sehnsuchtsmomente

Ein selteneres Wetterereignis scheint sich anzudeuten: ein Schneesturm für Berlin. Für heute wird dringend empfohlen, das Haus nicht zu verlassen. Die Notfallaufnahmen der Krankenhäuser brauchen nicht weitere Opfer von Stürzen und Knochenbrüchen. Die vereisten Gehwege sorgen seit Tagen für volle Auslastung. Noch ist es Nacht, doch nachher wird es dem Vernehmen nach ernst, etwa gegen Mittag, kurze Zeit später. Die Schulen bleiben geschlossen oder den Eltern ist aufgegeben, selbst zu entscheiden, ob ihre Kinder sich auf den Weg dorthin begeben sollen. Verantwortung wird geteilt oder weitergereicht. Ein Tag Schule ist wie nichts, kein Tag Schule ist wie nahezu alles. Es wird Neuschnee geben, das ist versprochen. Schon geht es sich sanfter auf den Fußwegen durch die winterweiße Stadt. Als Kinder träumten wir davon, eines Tages einzuschneien und drei oder vier oder mehr Tage nicht mehr zur Schule zu müssen. Unser Vater unterstützte das, wollte er doch ebenso wenig zur Arbeit wie wir zur Schule. Da trafen wir uns im Zentrum des Irrealis.

Sehnsuchtsmomente

Brennendes Dunkel

Es war finster dort draußen jenseits der Brücke und des Fußgängertunnels. In einem Neubau schien schwaches Licht aus einem der oberen Fenster. Dort saßen Leute bei Kerzenschein und warteten, bis es Schlafenszeit wäre. Nun haben sie dort wieder, was wir alle haben. Wer wir alle sind, frage ich gar nicht erst. Daß die Zivilisation, wie sie um uns errichtet ist und ständig erneuert wird, extrem anfällig ist, läßt sich wissen. Der Vorfall in Berlin bedeutet eine bittere Lektion, doch sie wird nicht verstanden werden können. Sämtliche Modernisierungsprozesse werden ungebremst weiterverfolgt, denn elektrischer Strom ist zur Genüge und jederzeit vorhanden. So lautet die nicht voraussetzungsarme Annahme. Wenn das einmal nicht der Fall sein sollte, müssen die Sicherheitsvorkehrungen erhöht werden. Genau das wird fortfolgend geschehen. Fortsetzung des eingeschlagenen Wegs der Superelektrifizierung und Hyperdigitalisierung plus Künstlicher Intelligenz, denn in diese Richtung galoppiert die globale Herde, und wir also mit und hinterher, reichlich außer Atem.

Brennendes Dunkel

Neues Jahr, siebter Tag

Bekomme eben eine Nachricht über die Alarm-App des Senats, daß die Notlage aufgrund des Stromausfalls im Südwesten Berlins aufgehoben ist. In den Medien ringen Journalisten, Experten und Politiker um die Deutungshoheit über den Vorfall. Der Regierende Bürgermeister war Tennis spielen, während er vorgab, nach Bekanntwerden des Unglücks, verursacht durch einen Anschlag auf die kritische Infrastruktur (hier eine Kabelbrücke über den Teltowkanal), unentwegt telephoniert zu haben. Erst zehn Stunden nach dem Stromausfall, der am Samstag in den frühen Morgenstunden begann und gut vier Tage währte, ließ er von sich hören. Die Konkurrenz will ihn loswerden, jetzt bietet sich Gelegenheit. In der Politik hat man keine Freunde. Man wird sich die Hände reiben, daß jetzt herausgekommen ist (immer redet irgendwer), was er während der Mittagsstunden des Samstags getrieben hat. Bald sind Neuwahlen. Die Hyänen umkreisen den Ort, sie wittern Aas. Einzig ein Sprecher der Polizei sagt, was jeder weiß: Während eines Notfalleinsatzes braucht man alles Mögliche, nur nicht Politiker, die den Einsatzkräften kameratauglich im Wege stehen.

Neues Jahr, siebter Tag

Die Zone

Diesseits der Brücke leuchten die Straßen im elektrischen Licht: Straßenlaternen, Schaufenster, Leuchtschilder, Verkehrsampeln, Geldautomaten, Schaukästen, Klingelschilder, Hausnummern, Wohnungen. Jenseits der Brücke führt eine nachtschwarze Straße nach Süden, als sei dort Stadtende, Weltende, dort beginnt die Zone. Autos kommen gerollt und nehmen ihr Scheinwerferlicht gleich wieder mit. Es gibt keine Ampelanlage. Niemand kann mich sehen. Ein abendlicher Dauerläufer rennt vorbei, nur ein Körper, kein Gesicht. Jetzt ist Gelegenheit, die Straße zu überqueren. Auf der anderen Seite brennt ein Licht, ein Lidl-Discounter, Wir haben für Sie geöffnet, stromversorgt über einen Generator von der Größe eines halben Frachtcontainers. Der Generator brummt leise, man möchte die umliegenden Häuser anschließen. Ich kehre zurück in die Welt der Lichter und des Glanzes. Die S-Bahn ist Grenze zwischen Strom und Nichtstrom.

Die Zone