Innerhalb der Stadtmauern

Draußen nun minus sechs Grad, die Obdachlosen sterben oder schaffen es ein paar weitere Tage und schlimmer noch: Nächte. Es ist ein Elend in der Stadt, das an uns vorbeihuscht oder lästig wirkt durch aufdringliches Betteln in den Untergrund- und Schnellbahnen. All diese Gesichter und zermergelten Körper samt den Reaktionen jener, die fürchten könnten, selbst einst oder bald zu solchen Gespenstern zu mutieren über den Weg und Abgang durch den ökonomischen Fleischwolf. Man möchte sich retten, verständlich genug. Vor einem reißt es den Nächsten weg. Die Winter in Berlin sind hart, da kommt man ins sinnliche Denken. Deshalb bin ich hier.

Innerhalb der Stadtmauern

Neues Jahr, fünfter Tag

Ich möchte den Schnee bejubeln und die klare Kälte feiern – Spaziergänge unter malerischem Himmel in den Kaltfarben des Winters – doch das gelingt nicht, da sie im Südwesten der Stadt weiter frieren und im Dunkeln warten müssen, bis die sogenannte Infrastruktur wieder steht. Ich habe nichts gegen ein Wort wie Infrastruktur, also Innen- oder Untenordnung, denn solche trägt und bewältigt sämtlichen Verkehr: Güter, Waren, Lebewesen, Informationen. Doch ich spüre die Kälte des Begriffs und möchte dorthin, wo gesehen und gefühlt werden kann, was ein Zusammenbruch von Infrastruktur bedeutet. Er bedeutet nichts Leichtes und schon gar nichts Lustiges, auch wenn die Spötter und politischen Zyniker breitärschig sitzen und von nichts eine Ahnung haben müssen. Sie wird nicht abverlangt. Ignoranz kennzeichnet Menschen. Werden die Spötter selbst zum Opfer einer unheilvollen Situation, sprechen sie anders, hoppla. Man kann ihnen das Nachdenken und Mitfühlen nicht hinterherschmeißen. Noch ist nicht ganz klar, wer für den Anschlag auf die Stromversorgung zuständig ist, auch wenn es ein Bekennerschreiben gibt. Immer langsam mit den jungen Pferden. Daß im Südwesten der Stadt ‚die Reichen‘ wohnen, scheint für einige zu implizieren, daß sie kein Mitgefühl aufbringen müssen. Wie kaputt kann man sein? Offene Frage. Das Muster ist bekannt.

Neues Jahr, fünfter Tag

Neues Jahr, dritter Tag

Schnee in Berlin, Stromausfall im Südwesten der Stadt. Notunterkünfte, Evakuierungen, Dauereinsatz von Rettungs- und Versorgungsmannschaften – Folgen eines Anschlags auf eine Kabelbrücke über den Teltowkanal. Betroffen sind 45.000 Haushalte und mehr als zweitausend Gewerbekunden, meldet Stromnetz Berlin. Dauer der Reparaturmaßnahmen: bis voraussichtlich Donnerstag, 8. Januar. Nimm alles fort aus deinem Leben, was elektrischen Strom benötigt, dann weißt du, was dort los ist. Zum Glück fahren die Busse und Bahnen, so können die Bewohner in benachbarten Bezirken einkaufen. Bibbernd ins neue Jahr.

Neues Jahr, dritter Tag

Deutsche Pressung

Ich erlebe die Leute, die mir begegnen, ob ich sie kenne oder nicht, als zusammengedrückt, vorsichtig, ängstlich. Heil durchkommen irgendwie – durch den Tag mit seinen Anforderungen und Pflichten, durch die Gespräche über heikle Themen. Vieles scheint heikel dieser Tage und Jahre. Umschwirrt von Ismen – das sind so kleine Götzen mit Millionengefolgschaft und Glaubenshandlungen mit klarer Feindbildausrichtung. Langweilig, nervtötend, öde (unfruchtbar). Zu jedem Ismus gibt es einen Anti-Ismus, wer hätte das gedacht. Deutschland im Pro-Kontra-Krieg, das nennen sie hier Kulturkampf. Als hätten nicht neuerlich alle recht, und zwar jeder auf seine Weise. Dazwischen, wie gesagt, die wenig begeisterten, fast schon apathischen Leute, zusammengedrückt und hilfsbedürftig. Sprich sie nicht an, sie reagieren wie auf Stromstoß. Mein guter Freund Lothar fragt, ob ich wüßte, warum die Menschen fortdauernd politisch glauben wollen, dann machten sie sich doch unweigerlich zu Agenten einer Sache, die sie nicht ausreichend durchschauen. Warum für andere streiten und kämpfen, mit denen man weder befreundet ist, noch es zu sein sich wünscht? Ich erwarte keine Erlösung, sondern die Erschlaffung der Fundamentalismen samt ihrer aufgeregten Anhängerschaft. Am Ende werden wir miteinander leben müssen – im Gegeneinander bluten wir aus.

Deutsche Pressung

Gute Sicht, schlechte Sicht

Das ehemalige Flugfeld ist groß und weit. Man kann dort die Orientierung verlieren für Augenblicke, wenngleich die Sicht- oder Landmarken sie nach kurzem Suchen wiederherstellen. Neben dem viertelkreisförmigen Hangar, dem S-Bahnring und der Stadtautobahn, der Bahlsen-Keksfabrik und dem Wohnhochhaus im sogenannten Wohnpark St. Marien ist das neuerdings der Hochhausneubau des Hotels Estrel (Estrel Tower) an der Sonnenallee.

Noch wird gebaut. Durch die Dachschräge erinnert es an das markante Universitätshochhaus in Leipzig, das mittlerweile den Namen City-Hochhaus tragen muß. Der Estrelturm wird mit 176 Meter Höhe Berlins höchstes Hochhaus sein, einstweilen. Zum Vergleich: das Hotel Stadt Berlin am Alexanderplatz (Forum-Hotel, jetzt Park Inn by Radisson) kommt auf 125 Meter. Baulich reckt und streckt man sich hier ein bißchen, doch in den Himmel wächst, des Baugrundes halber, gar nichts.

Kürzlich lief ich auf dem Feld und sah fast nichts mehr. Nebel war aufgezogen, es wurde unheimlich. Das war kurz nach Sonnenuntergang. Mit einem Mal war es finster. Selbst auf der Start- und Landebahn verlor ich die Orientierung, tastete mich am Grasrand der Piste entlang. Kam ein Licht aus dem Nichts auf mich zu, schnellte ich zur Seite – ein Radfahrer. Er hätte mich nicht sehen können, ich bin kein Leuchthund. Endlich erreichte ich die Lichter der Kleingartenkolonie und verließ durch das Drehtor dieses ohnehin gespenstische Feld. Ich habe keine Ahnung, welche Geister dort kreisen, selbst an hellen Tagen im Sommer.

Berlin ist mir eine unerkennbare Größe geworden. Keine Ahnung, was hier los ist. Über Berlins häßlichsten Hochhausneubau, den sogenannten Amazon Tower an der Warschauer Brücke, 142 Meter über der Erde, schreibe ich später einmal. Da scheint alles kaputt gegangen zu sein, was ästhetisch im Menschen sich noch zu regen vermag. Insofern ein Baudenkmal ersten Ranges. Ich gerate in ein inneres Zittern, nähere ich mich dieser gepanzerten Baumasse bestürzender Einfallslosigkeit. Wenn wir so bauen, was treiben wir dann als nächstes?

Gute Sicht, schlechte Sicht

Vier Uhr vierundvierzig bis fünf Uhr zwei

Ich lag schon und schlief. Da erwachte ich und spürte die kleinen Gedanken herumwirbeln wie Schneeflocken im Winterwind. So soll ich also nicht schlafen, sondern wach sein, also erhob ich mich. Nun sitze ich hier und schreibe in die leise Nacht. Selbst der Bildschirm ist weiß. Ebenso das Blatt Papier, auf das ich zuvor schrieb. Kein loses Blatt Papier, sondern eines, das zu den anderen gehört und eingebunden ist in ein schlankes Buch, in dem nichts steht, es sei denn, jemand zeichnet hinein. Ich benötige die Ruhe, um zu schreiben. Ruhe ist wie jede Menge Platz. Dann kann man fast überall hin. Die Dinge verhalten sich still. Einzig die Kerzenflamme zeigt eine gewisse Regsamkeit. Eine Kerzenflamme ist noch kein Lagerfeuer, aber immerhin. Lebendiges Licht. Ich wollte früh zu Bett.

Vier Uhr vierundvierzig bis fünf Uhr zwei

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Es ist neuerlich Nacht. Verkehrsgeräusche treiben herein. Die Waschmaschine mahlt durch die Gänge des Programms. In der Lavalampe steigt ein Monster auf mit drei Augen, wächst und schwillt an, verändert die Form; zuvor war zu erkennen, daß Throne stürzen werden. Es ist wie Silvester, da gießen wir Blei. Der Schlaf hat den Raum betreten, greift nach dem Betrachter. Du kannst endlos schlafen, aber später, sagt er, zuvor hängst du die Wäsche auf! Nun hör doch bitte zu, sagt er, die Maschine sagt es doch auch. Von außerhalb und entfernt sind Salutschüsse zu vernehmen, mehrere an der Zahl. Der Schlaf seufzt. Die Waschmaschine jodelt sich hoch in den Schleudergang. Wenig Neues aus der Lavalampe: die drei Augen sind verschwunden, der Körper schwillt weiterhin an und ab. Man muß genauer hinschauen: das Lavawesen hat einen Mund oder ein einziges Auge gebildet, das strebt nach oben und grüßt oder küßt hinauf, fast erreicht es die Oberfläche der Schwimmflüssigkeit. Die Gedanken treiben ab.

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In die eigentliche Heimat

Feiertage durch. Die Last der Untätigkeit abgelegt. So mag es manchem ergehen. Zurück im Gerassel des Alltags. Zum Glück ist Wochenende.

Weihnachten ist Beziehungsarbeit: Nähe ertragen, wiederherstellen, pflegen. Daher der oft thematisierte Streit ausgerechnet zum Fest der Liebe. Konflikte sind nichts Unanständiges, Harmonie soll wahrhaftig sein.

Stille Stunden hier verbracht, nur ein wenig innerer Streit hinsichtlich einiger Lebensfragen, etwa wie ich ab jetzt zu leben gedenke. Werde, der du bist. Nicht schwer zu verstehen. Doch wer bin ich? Ich bin der, der zu sich findet.

Daher war die Angst so laut in mir, vor vielen Jahren, daß ich mich verfehlte, an mir vorbeibrauste wie ein knatterndes Moped. Natürlich gelang das nicht, niemand entkommt sich. Das Leben führt einen zurück. Sollte man sich wehren, mit unerbittlicher Strenge.

Bleib dir treu. – Ja, aber schlimm, wenn zuviel an einem rumgemacht wurde, wenn man also von sich selbst abgehalten oder vom eigenen Weg abgebracht werden sollte oder eine eigene Wahrheit, die es zu finden gilt, abgeleugnet wurde und sie einen in die pure Konventionalität zwingen wollten, in eine Zone der allseits bekannten Tatsachen und anerkannten Meinungen zu solchen sogenannten Tatsachen.

Sie, das sind diejenigen, die solches Abhalten, Abbringen, Ausreden meinen vollbringen zu dürfen, zu müssen. Sie können dich seelisch töten, und dann läufst du als Gespenst oder Automat durch die Gegend und verbreitest denselben Stuß, zu dem alle Welt wie auf Kommando nickt. Ganz falsch kann der nicht sein, aber sicher auch nicht ganz richtig.

Dazu müßte es doch schöne Lieder geben: the long way home.

In die eigentliche Heimat