Ich habe Fußball gesehen, später eine sogenannte Talkshow, da ging es um den Iran und die Aufstände dort, nun sehe ich eine Serie, die handelt von Unternehmern, Arbeitern und den zugehörigen Verwandten im Ölbohrgeschäft in Texas. Wohin ich will, da kann ich hin. Das ist obszön. Dennoch bin ich glücklich oder freue mich. Das kommt aus mir, nicht aus dem Zeug. Ich könnte fragen, womit ich das verdient habe. Doch ich frage das gar nicht erst. Es ist einfach da. Ich möchte es gar nicht Glück nennen. Da kein anderes Wort zu Hilfe springt, lasse ich es unbenannt. Ich könnte weinen, sofern ich müßte. Aber ich muß nicht. Es kann einen schlimm erwischen mit der Freude aus dem sogenannten Nichts.
Autor: Holger Tegtmeyer
Ich bin jetzt da
Ich kenne auch welche, die annehmen und es auch aussprechen, daß das, was ich hier treibe, nur ein Kleines ist, daß also ein Großes noch bevorzustehen scheine oder müsse, nämlich ein richtiges Werk, also ein Buch usw. Ich sehe das manchmal so wie sie, aber jetzt sehe ich es ganz anders. Dies ist ein nicht endendes Projekt fortgesetzter Selbstvergewisserung im Medium des Spürens. Spüren ist ein auf der Spur sein, ich erspare mir die Bindestriche. Ich bin auf der Spur, was das Leben einem Menschen ist, der hier und heute lebt und sich einen Reim zu machen versucht. Und mir begegnen täglich all die anderen – die versuche ich ebenfalls zu bedenken, sogar zu fühlen, ich kann ja gar nicht anders. Diese Zeilen sind lebhaft geschrieben, ich mag das. Da ist hier.
Tomahawk-Poesie
Mit neunzehn, zwanzig konnte ich Sätze schreiben, in Briefen nach Zuhause, die klingen wie mit dem Tomahawk gezeichnet, klar, einfach, tief. Anschließend ging ich wohl in die Lehre des üblichen Lebens, versuchte gewisse Anpassungsübungen zu bestehen, scheiterte. Daß ich meinen Arsch an die Wand bekommen haben, ökonomisch und einstweilen, gemahnt mich an ein Wunder. Mit mir war nicht zu rechnen. Mit niemandem ist je gerechnet worden. Doch wir sind hier.
Eisschollen
Man muß Ideen ausstreuen wie Samen, mit leichter Hand und verschwenderisch, Mutter Natur macht es vor. Das Verhockte und Verbockte der eigenen Existenz aufgeben, ihren kläglichsten und beklagenswertesten Teil, Besitzsicherung, Eifersucht, Neid. Schele Blicke auf das Glück der anderen, in steter Verunsicherung ob des eigenen Geschicks, eingeparkt in starr Gehaltenes. Daher das nächtliche Knirschen der Zähne, die üblen Träume, die häßlichen Gedanken am Tag darauf. Wehe dir, die Tür geht auf. Wann lernen wir Menschen, großzügig zu sein. Das ist gar keine Frage.
Zu einem Gespräch gehören zwei
Wenn ich etwas sagen möchte, höre ich, bevor ich spreche, oft schon die Einwände, die gegen das, was ich noch gar nicht gesagt habe, sprechen könnten. Mittlerweile spreche ich dann erst recht. Früher wäre ich verstummt. Daß ich hier so viel rede und spreche, hängt damit zusammen, daß ich davor, also vor 2015, fast gar nichts gesagt habe. Da hat sich was aufgestaut. Die Einwände und Kritiken kann ich vertragen, sie halten mich nicht mehr ab. Sicher sind sie berechtigt. Heute ist eine Nacht, in der ich unendlich weiterreden möchte, eins nach dem anderen, wie in einem Gespräch, das nicht endet, weil dauernd wieder etwas einfällt. Nur daß ich das hier allein tue. Aber doch auch so, als sei jemand da. Andererseits könnte der Titel Selbstgespräche schön sein.
Die Ausdehnung der Zeit ohne Langeweile
Übrigens: neuerlich steht die Zeit fast schon still. Das Phänomen einer unerwartbaren Zeitdehnung erlebe ich seit dem Oktober des vergangenen Jahres. Mir werden die Augenblicke lang und tief. Das ist so schön und unaussprechlich, daß ich zu stottern beginnen möchte. Was ist denn passiert? würde man fragen wollen. Ich weiß es nicht, müßte ich wahrheitsgemäß antworten, dankbar. Vielleicht handelt es sich um eine Verwandlung. Zeit wird einem nicht genommen, sie wird einem gegeben. Sie wird verliehen.
Januarmenschen
Der Januar, da ich in ihm lebe, erscheint mir plötzlich und unerwartet wie eine Ruhemonat, wie ein Schlafmonat, also auch Tieftraummonat. Früher nannte ich ihn vielleicht das schwarze Loch des Jahres oder Debakel eines eingebildeten Neuanfangs. Nicht diesjährig – nun erst setzt er sich in mir ins Recht. Ich empfinde die Menschen um mich herum als angenehm müde. Das scheinbar Automatische, das Reflexhafte, das Einstudierte meinetwegen, das Konditionierte – sie funktionieren, und so könnte man auf die Idee kommen, man hätte einen Menschen im Vollbesitzt seiner jeweiligen Möglichkeiten vor sich. Das ist nicht ganz richtig, fast schon vollkommen falsch. Man hat einen Januarmenschen vor sich, selbst ein Januarmensch seiend. Kein Makel, doch zu wissen schadet nicht.
Plasmatisch
Das Leben zieht lange Bahnen. Man begegnet sich nicht nur zweimal. Der Feind wird zum Freund. Was wirklich ist, entnimmt sich nicht allein dem Augenblick. Wenngleich er bereits alles enthalten mag, nur vorerst unverständlich, noch unleserlich. Die Wahrheit scheint spät erst auf und wendet sich gleich darauf wieder ab. Leben ist ein Blinde-Kuh-Spiel, aber nicht nur. Man lernt lesen ein Leben lang. Niemand steigt zweimal in denselben Fluß. Derweil steigt in der Lavalampe ein Knochen empor, wie Dalí ihn gemalt haben könnte, dürr und mit Gelenk, nach oben zu einem Harlekin sich wandelnd. Im Lavabrei liegt ein Kleinkind, streckt ein Ärmchen zur Glaswand. Schon steigen erste Lavablasen auf, heften sich ans Knochenbein. Schwebende Eier.
Mit Wörtern sich eine Behaglichkeit ergaunern
Oft genug weiß ich fast gar nichts. Zum Beispiel das Wichtigste, nämlich ob es anderen auch so geht wie mir – oder nicht vielmehr anders – oder ganz und gar nicht so. Das könnte mir helfen, es böte eine gewisse Hilfe – daß ich nämlich weiß, wo und wie ich mich befinde, verhältnismäßig. Absolut ist nicht drin; nichts was ein Mensch veranstaltet, kommt jemals dorthin; allein der Gedanke verstimmt (doch er sei geäußert). Wüßte ich, daß jemand unter dem leidet, worunter ich zu leiden verstehe, wäre mir geholfen. Gibt es auch nur einen Menschen, der einen anderen Menschen versteht, ist diesem geholfen. Ich denke das oft und sage es nun.
Die unebenen Gehwege, das rutschige Pflaster, die Witterung
Regen auf eiskaltes Pflaster. Tückisch funkelt der nasse Untergrund. Heimwärts tastend ruhigen Schritts, auf der Hauptverkehrsstraße dort laufend, wo die Autos vorbeispritzen. Kommt eines herangejagt, kurz zwischen die parkenden Wagen, anschließend weiter auf deren Fahrbahn. In dieser besonderen Nacht werden viele stürzen und sich verletzen. Man hat uns gewarnt. Ich bin zurück in meiner Höhle, möchte nicht erneut hinaus.