Etwas scheint in mir vorzugehen. Ich möchte etwas weiter und deutlicher hinaus. Nicht ins offene Meer schwimmen und untergehen. Nicht hinauf in die Sterne auf einer technischen Mission. Nicht in endlose Introspektionen zur Erforschung der Innenwelt eines Außenwesens. Solche Expeditionen sind einstweilen abgegolten. Ich bin mir nicht sicher, was dieses Hinaus bedeuten mag. Vielleicht eine Sprengung meines Weltbilds – doch ich verfüge über keines, muß es unterwegs verloren haben. Hinüber käme gelegen, doch ich benötige keine Transmission. Investoren setzen auf, so nennen sie das oder lassen es nennen: gesellschaftliche Transformationen hier und da, doch mich interessiert der verbundene und sich zu verbinden wissende menschliche Geist in der Natur, sichtbar und sicherlich gebunden an lebendige Leiber. Warum sonst sollten wir uns füreinander interessieren. Bald werde ich auf Dachfirsten entlanglaufen und Lieder singen, etwas Derartiges steht doch an.
Autor: Holger Tegtmeyer
Wo Sprechblasen sind, ist auch Leben
Man fragt mich nicht, ich zähle nicht, ich spreche trotzdem. Mir sind die Konflikte öde, mich langweilen die Standpunkte, ich gehe demnächst angeln. Angeln interessiert mich ebenfalls wenig, aber vielleicht wäre es schön, eine Zeitlang schweigend neben einem zu sitzen, der eine Schnur in das Wasser hält in der Hoffnung, daß etwas anbeißt. Manchmal erblicke ich schöne und stolze Gestalten mit edlen Gesichtern und wäre fast schon bereit, sie sprechen zu lassen – dann schrecke ich zurück, fürchtend, neuerlich auf ein ungefähres Allerlei und branchenübliche Phrasen zu stoßen. Andererseits ist das Allgemeine das Uninteressante. Im Besonderen ereignen sich die Überraschungen. Der Überbau ist gegen Regen und Bomben, unten rasselt der Verkehr.
Außerhalb des Innerhalb
Mag sein, daß man beim Mannschaftssport einer Mannschaft angehören möchte oder muß, dann alles zu tun bereit ist, um ihr zum Sieg zu verhelfen. Doch im politischen Wettkampf?
Sicherlich ist er härter und grausamer als der sportliche. Andererseits – die Unerbittlichkeit kann sich ähneln. Nur daß es beim Sport nicht um Leben und Tod geht. Doch es gab bereits Fußballkriege.
Es lockt zu Vergleichen, wenn in Berlin die Schlachtenbummler der Meinung sind, die Stadt hätte Platz nur für eine Mannschaft: entweder Union oder Hertha. Sie verwechseln die Stadt mit ihrem Herzen.
In den umkämpften Gebieten der derzeitigen Kriege soll auch nur eines seinen Platz haben – das andere möge hinfort gehen, bekämpft werden und vernichtet sein. Derart denkt und fühlt es sich entlang und beidseits der Linie.
Widerwillig lese ich die schnaubenden Einlassungen und hämischen Kommentare der Entschiedenen. Schlimm können die Parteigänger sein. Der Haß ist ein Selbstvernichtungsvorhaben, freigeschaltet durch Nichtverstehen.
An die Verantwortlichen des Verantwortbaren: Treibt nicht die Menschen gegeneinander, mäßigt die Interessen, verzichtet auf den Endsieg. Den gibt es nicht. Es existiert keine Glorie solchen Zuschnitts.
Geschwächte Position
Bewirft man dich mit Dreck, wirf nicht mit Dreck zurück. Beleidigt man alles, was dir heilig ist, beleidige nicht zurück. Die Höhe des eigenen Fühlens, Denkens und Handelns sollte nicht vom Gegner bestimmt werden. Allerdings mag er es versuchen oder wird es. Sich ein niedriges Niveau aufzwingen zu lassen ist eine widrige Erfahrung. Man möchte sie kein zweites Mal erleben. Der Klügere gibt nach, lehrte man uns. (Du hast recht und ich meine Ruhe.) Doch so einfach ist es nicht. Manchmal muß der Klügere handeln, gezielt und unmißverständlich. Daß er in Händel geraten ist mit Erniedrigenden, gibt zu denken.
Einen Schritt weiter
Vielleicht sucht man sein Leben lang nach solchen, die nicht gegebenenfalls und gedrungenerweise auf einen scheißen. Dafür sind die Krisen da – um Unterscheidungen zu begünstigen. Daß man unterschiedlicher Meinung ist, gehört zur Menschenart. Aber auf einen anderen zu scheißen, das ist schmutzig. Mir ist, als seien wir trotz politischer Hysterisierung und Polarisierung noch immer friedensfähig und konziliant.
Aus dem Zusammenhang 355
„Ich könnte mir vorstellen, daß Gott es leid ist, von zwei verschiedenen Parteien angefleht zu werden.“
Unterwegs nach Cold Mountain
Botschafter
„Es heißt, es bringt Glück, wenn ein Vogel in einem Zimmer gefangen ist.“ (Unterwegs nach Cold Mountain, 2003) Das höre ich gern, denn Anfang des Jahres verflog sich eine Meise in mein Schlafzimmer, war aufgeregt und flatterte hin und her, stieß sich an den Scheiben von Fenster und Tür und fand doch wieder hinaus ins Freie. Gefangenschaft ist ein düsteres Los, insofern deute ich das Zitat anders, nämlich als Hinweis auf unerwarteten Besuch.
3. Axiom
Man muß jung sein, um für eine gerechte Sache kämpfen, siegen und notfalls sterben zu wollen, und alt und abgewichst, um die Jungen sterben zu lassen. Daß das hierzulande erneut zu besichtigen ist, schmerzt. Wie ein Blöder hoffe ich auf einen guten Ausgang der aufgeladenen Sache und darauf, daß noch ein Wunder geschieht. Solange es auf sich warten läßt, verhalten sich die Kontrahenten spiegelbildlich zueinander und zeigen in den Spiegel, um zu sagen: Der hat angefangen. „Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt.“ (Paul Watzlawick, Die 5 Axiome der Kommunikation) Sie ist die Frage nach dem Anfang und der Ursache. Wer hat das Rad des Unheils in Bewegung gesetzt? Mein Rat lautete (unheroisch): Rechtzeitig abspringen. Die Sache verbrennt die Beteiligten zu Staub und Asche. Weshalb auch sonst studiert man Geschichte?
Sie können mehr
Es war recht einfach, irgendwen oder -was abzulehnen, gewissermaßen aus der Hüfte heraus, ein Schuß, ein Treffer, die Verhältnisse gaben das her; es war sofort ersichtlich, wer recht hatte, insofern war es einfach. Daher das Wort. Einfach und ein Fach – nicht zwei. Daß Menschen simpel sind, glaube ich nicht.