Aufbegehren

Nachsatz zu Kaputt und munter: Ich bin noch immer bestürzt von der Genauigkeit und der Schonungslosigkeit solcher Zeilen/Verse. Da richtet jemand sich selbst. Kein Firlefanz, keine Kunstambition. Gnadenlos klar. Ich bin fertig mit mir, sagt das Lied. Doch nur einstweilen, hofft der Zuhörer (ich). So soll man mit sich umgehen, wenn die anderen wegsehen. Ob man die Strafe verdient hat? Das kann ich nicht wissen. Ambros schien es zu wissen. Er kommt aus einer Welt.

Aufbegehren

Gipfel und Abstieg

„Jetzt sitz‘ ich da, kaputt und munter, und träum‘ von einer bess’ren Zeit. Vergangenheit und Zukunft, die ha’m jetzt kei‘ Bedeutung mehr“, singt Wolfgang Ambros, etwa 1980. Vier Jahre später war ich Soldat bei der Bundeswehr in Deutschland-West, und einer der Kameraden (so heißen die Kollegen beim Militär, wenn sie einem gleichgestellt und nicht vorgesetzt sind) nahm eine Musikkassette auf, da er annahm, Weiß wie Schnee, das Ambros-Album, könne mir gefallen. Die Drogenanspielung des Albumtitels verstand ich nicht, und bis heute ist sie mir unwichtig. Die Hilfsmittel können in der Kunst eine Rolle spielen, doch die Kunst schaffen nicht sie. Erst helfen, später schaden sie. Kaputt und munter ist ein vorzüglicher Zustand, ich mag ihn empfehlen nach wenig Schlaf und antidepressiver Wirkung. Den Song stelle ich oben ein. Doch das komplette Album zählt. Mit sieben- oder achtundzwanzig Jahren war Ambros dort angekommen, wohin er gemocht haben mag: auf einem persönlichen Gipfel, zugig, kalt, hilfsbedürftig, allein. Rundherum weitere Gipfel. Später der Abstieg.

Gipfel und Abstieg

Angstkongreß

Ich bin noch nicht frei, aber ich werde es. Eine gewisse Kurzatmigkeit kennzeichnete die vergangenen Jahre, bedingt durch den immensen Druckaufbau, den wir zu gewärtigen hatten und haben. Aus der politischen Sphäre fließt Gift in die Gewässer, ein jeder bekommt seine Dosis, auch an Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Resignation. Das Vergiftete kennzeichnet die Debatten und Diskurse. Manche schauen sich erst zweimal um, ehe sie zu sprechen beginnen. Das wirkt beklemmend. Ich versuche nicht, solche Bedrängnis zu ignorieren, bin vielmehr bemüht, sie als das zu erkennen, was sie ist: ein Resultat von Herrschaft durch Angst. Bemerkenswert ist, daß beide Seiten im Gesellschaftsstreit von ihr beherrscht sind und zugleich mit ihr zu herrschen trachten. Nun könnten sie doch Herkunft, Namen und Größe ihre Ängste vergleichen auf einem Großen Angstkongreß mit korrespondierenden Selbsthilfegruppen und bereitgestellten Therapieangeboten. So etwas können, Geld dafür haben wir in Hülle und Fülle. Jeder Text sollte ein Befreiungsversuch sein.

Angstkongreß

Totenkult 10

Der Tod konturiert das Leben, er schärft den Sinn fürs Lebendigsein. Einst werde ich nicht mehr sein. Was folgt daraus für das Jetzt und diesen, warum nicht diesen? Augenblick. Was ergäbe sich aus dem Gegenteil: der fahrlässig in Aussicht gestellten physischen Unsterblichkeit. Daß wir wie Kinder alles wollen und daß das Spielen niemals ende, versteht sich. Ach, wir wurden immer zu früh heimgerufen. Abendbrot und Bettgehzeit, tägliches Enden und Verdammnis der schlimmen Träume, zuvor das den Schlaf-nicht-finden-Können. Ich warf meinen Kopf auf dem Kopfkissen hin und her, jagte durch heftige Bildern der Ehre und des Schreckens. Ich will nicht ins Bett, ich will fröhlich sein! Wir sind die Kinder des Lebens und dürfen spielen, nur nicht endlos. Dunkler Ernst jenseits der Linie.

Totenkult 10

Wissende Winde

Unaufhörlich und seit Tagen geht der Wind, er rauscht in den Bäumen, treibt die Wolken wie Herden über den großen Himmel. In unserem Alter, sagte die Bäckererverkäuferin, reagiert man stärker als früher auf das Wetter. Das ist vielleicht gar nicht schlecht, antwortete ich, so erleben wir es intensiver. Sie hielt kurz inne, lächelte dann. Diese Wochen sind eine Rückführung in die Wind-und-Wetter-Erlebnisse meiner Kindheit und Jugend. Es war ein stetes Bangen darum, ob wir einen richtigen Sommer bekommen dürften, oder erneut einen derart verregneten wie die meisten Jahre zuvor. Ende Juni, das lernte ich allmählich, entscheidet sich das Schicksal des Sommers. Hat sich bis dahin nicht ein Hochdruckgebiet über Mitteleuropa aufgebaut und stabilisiert, wird es wechselhaft, regnerisch, unfreundlich. Spreche ich über das Wetter, spreche ich über mich selbst. Es geht windig hin und her, auf und ab. Das Leben ist kein Wunschkonzert, auf die Euphorien folgen die Mühen der Ebene. Immerhin gedachte ich in der Nacht auf Pfingsten der Toten.

Wissende Winde

Totenkult 9

Man hat endlich lange Zeit, um dies und das zu tun. Das heißt: man kann darauf verzichten. Das heißt: man hat noch Zeit. Wieviel Zeit hat man denn? Niemand weiß es. Morgen schon könnten wir tot sein, es lebe das Leben! skandierte der französisch-belgische Schriftsteller und erschreckte damit seine deutschen Kollegen, die über solche Dinge noch nicht nachgedacht hatten oder nicht im Augenblick waren. Leben ist ein Fest, das macht den Tod besonders.

Totenkult 9