Autor: Holger Tegtmeyer
Kühe muhen, Schweine quieken, Getreide knistert
S.G. Goodman kommt vom Bauernhof, ich habe es sogleich gedacht. Seit zwei Jahren höre ich ihre Songs, manchmal oft, dann wieder nicht. Jedesmal berührt mich etwas, das ich nun verstehe. Es hängt damit zusammen, daß wir aus ländlicher Gegend stammen und dort das Leben lernten, als Farmerstochter oder als Bauernsohn. Hinzu tritt das Religiöse: sie wurde in Kentucky baptistisch erzogen. Ich bin zwar konfirmiert, doch konfessionell ungebunden. Scheint so, als könnte ich spüren, daß jemand nicht der leeren Norm entspricht. Soeben erschienen ist ihr neues Album, Planting by the Signs. Ich habe noch nicht gehört. Doch ich weiß, daß aus solcher Herkunft eine doppelte Abwehrhaltung erwächst. Zunächst und allererst gegen die der Herkunftsbestimmung, zweitens aber und später wichtiger die gegen die Einvernahmungsautomatismen der modernen Welt. In solcher Spannung zu leben erzeugt Streß. Künstlerisch geht das aus.
Museum
Es gibt ein Beeindrucktsein durch Geld und Geltung, Ausstattung und Glanz. Insbesondere die Jüngeren sind gefährdet, da sie die Preise nicht kennen. Auf dem Weg ins soziale Oben muß Schritt für Schritt gegeben werden. Das machen die Stufenwärter unmißverständlich klar. Sämtliche Systeme sind pyramidal. Flache Hierarchien täuschen über den Machtaspekt hinweg. Je weniger irgendwer im System irgendwas in Frage stellt, desto geschmeidiger schnurrt die Apparatur. Das durften wir besichtigen.
Sonntag auf Montag
Nachrichten lesen auf nüchternen Magen. Das politische Laienspiel geht weiter und erzeugt Schmerzen. Man darf den Menschen als Hetzjäger ansehen, er springt auf die Beute und zerfetzt sie. Kultur soll ihn zähmen und in Fassung bringen. Maximal wird er dadurch erträglich, unkte die Eule namens Peter Scholl-Latour.
Zermürbend
Es geschah etwas, das sie selbst einen leeren Fick nannte. Der Körper machte noch mit, die Seele ging stiften, der Geist stellte sich tot. Mechanistisches Geschehen. Das Feuer war ausgebrannt. Sie benötigten eine Pause. Ferne erzeugt Sehnsucht. Du wirst mir fehlen, wußten beide. Liebe ist noch nie hungers gestorben, sagte man ihnen.
Sommer ist da
Topos 2
Vielleicht hätte auch aus mir ein Bequembürger werden können – etabliert und saturiert, satt, sauber und gemästet, auf eine Weise zufrieden, die Unheil aufziehen fürchten läßt. Das Schicksal, so nenne ich das, hat mich davor bewahrt. Ich mußte suchen und irren, mich verlaufen, niederschlagen lassen, wieder aufrappeln, durchhalten, kämpfen, um Geld betteln. Das gehört dazu. Ich kenne keine Zeit, in der es nicht schwer war, im Sinne von schwierig oder zum Verzweifeln. Oft denke ich, daß die eingerichtete Wirklichkeit, wie ich sie antreffe, eine Installation ist, die mich recht eigentlich nicht betrifft. Noch immer suche ich einen Platz in ihr oder verzichte bereits darauf. Man muß nicht im Tal wohnen, es gibt noch die Berge. Dies ganz unverbiestert angemerkt. Es ist, wie es ist. Kein Makel. Ich werfe niemandem irgendwas vor. Gehe jeder seiner Wege.
Wie es hier zugeht
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Geistesgegenwart
Dieses nervöse Schnauben und Schäumen, dieses Scharren mit den Hufen, die doch nur schmale, weiche und menschliche Füße sind – woher kommt denn dies? Ich erlebe Menschen wie von Sinnen, höre sie, irgendwie notgedrungen, Aussagen treffen, für die sie sich wenige Jahre vorher noch freiwillig eingewiesen hätten. Die Corona-Affäre besorgte eine Radikalisierung der Mitte, einen Extremismus des maßlosen Handelns. Seit dem drehen die maßgeblichen Leute hier schon wieder durch. Kann das denn einmal aufhören, bitte. Scharren, schäumen, schnauben. Verlassen wir gemeinsam allmählich mal den öden Reiz-Reaktions-Behaviorismus. Ich setze keine Frage-, keine Ausrufezeichen mehr, die spare ich mir für die Zeit nach der Katastrophe, wenn wieder niemand was gewußt haben konnte und darauf verwiesen werden wird, daß alle einer Meinung gewesen seien und daß man später immer schlauer ist. Es ist aber durchaus nicht interessant, später schlauer zu sein als vorher, sondern trivial und beschämend.
Sinn und Frage, umgekehrt auch
Es müßte doch geistige, sagen wir: intellektuelle Explosionen geben – anstelle der militärisch-politischen. Es müßten doch diejenigen, die klar zu denken sich zutrauen, einander begegnen und sich verbinden und in Worten darstellen können, daß die begonnenen und aktiven Kriege niemals gewonnen werden können, für keine Partei an keinem Ort. Mag sein, daß die existierenden und agierenden Kräfte sich eruptiv entladen haben und anschließend vernichtend ausbreiteten, insofern explorativ sind und sich nur unter langem Druck bilden konnten. Solche Vorstellungen entstammen allerdings der geophysikalischen Sphäre, nicht einer genuin menschlich-körperlichen, also sinnlichen. Das Sinnliche ist das Empfindende. Es speist die Sinne und über sie den Sinn. Der Sinn ist das Bedeutungverleihende, eine hohe Auszeichnungs- und Unterscheidungsinstanz. Deshalb wird sie zuweilen ausgesetzt.