Wenn die Brüder sich erneut verstehen, ist es gute Zeit. Die Schwestern besprechen auf andere Weise die Lage. Ich habe keine Schwester, doch wünsche ich sie sehr. Umsonst. Nicht schlimm, sagt das erfahrene Ich; sehr schlimm, versetzt das andere Ich, das zu beschreiben ich mich derzeit nicht traue. Langsam nur gerate ich voran an wichtigen Stellen. Das geht stückweise und ist nicht prahlenswert. Mir ist nach einem leisen Lied.
Allgemein
Wie könnte ich anders
Wie könnte ich anders leben, fühlen, denken und handeln? Die Antwort ist sehr klar: Ich kann nicht. Mein Schicksal kann ich bestenfalls hinauszögern. Doch ich akzeptiere und bedenke die Einwände gegen solches Denken, Sprechen und Fühlen. Ich gehe sogar davon aus, daß es abgelehnt wird. Macht ja nichts.
Aus dem Zusammenhang 348
„Wenn du einen Raum betrittst, durchbohrst du die Seelen aller Männer – legst ihre Leiden bloß. Das kann man niemandem beibringen, diese Gabe verdient man sich durch Schmerz.“
Mayor of Kingstown, S3 F5
Kunststück
Als Café-Inhaber gebe ich mir Mühe, die Wände nicht zu überhängen. In meiner derzeitigen Verfassung würde ich endlos Bilder aufhängen, insbesondere ungerahmte. Die Rahmen sind ja Teil des Problems. Daß Musik gespielt wird, bedeutet viel. Einige Bilder müssen ein wenig verschnaufen, sie wurden totgeritten. Neue werden an ihre Stelle gesetzt, würdevoll und gelassen. Obwohl ich mich schnell bewege, versuche ich, gelassen zu sein.
Penistenzeug
Sämtliche Herrschaftstechniken sind Techniken des Eindringens und der Durchdringung, solche also der Inbesitznahme. Ob privat oder politisch. Deshalb spricht man von Penetration. Penetrant nenne wir einen Menschen, der nicht ablassen kann, uns anzuöden. Er begehrt Einlaß, der nicht gewährt werden kann. Die sogenannten Medien, allesamt Penetrationsorgane, fummeln an uns herum und versuchen etwas, das sie selbst nicht verstehen. Immerhin scheint es um Aufmerksamkeit zu gehen, an die sich sogleich eine Ökonomie heftet. Wer hätte das zu vermuten gewagt. Was machen wir Durchdrungenen denn jetzt? Das ist eine echte Frage, harrt demnach einer Antwort. Rückzug, würden manche empfehlen. Ja, das ist die sichere Methode. Mir wäre nach einer offensiveren zumute, die nicht ihrerseits penetrieren wollte. Nein, die kann es nicht geben, ich bin mir sicher.
Die armen Wörter
Sozusagen ist gewissermaßen ein Lieblingswort, denn gewissermaßen zählt sozusagen ebenso zu den Adverbien, einer unzuverlässigen Gruppe von Wörtern, die sich (nahezu unbemerkt) den scheinbar solideren Adjektiven beigesellen und zudem für Verwirrung sorgen, indem sie die Adjektive in die Klemme bringen, entscheiden zu sollen, ob sie adverbial oder attributiv verwendet zu werden wünschen, gerade so, als fragte man diesbezüglich nach, statt schlichtweg zu kommandieren. Gehorsam sind sie stets, was bliebe ihnen sonst (ihrer Stärke nicht bewußt). Natürlich sind Wörter keine Wesenheiten, mag man einwenden. Doch allzu sicher sein kann man sich diesbezüglich nicht sein. Ich warne vor Verniedlichung der Sprache. Ich warne, falls das hilft, sogar vor Indienstnahme von Wörtern. Das darf man bitte lassen, denn sie werden sich rächen. Schließlich nämlich kann sie niemand mehr hören.
Auf ein Neues, Compañeros
Das Problem der Bürgerlichen ist lösbar. Sie bilden Debattierklubs und tauschen sich aus, müssen zuvor nur sich älterer Tugenden befleißigen und den Autoritätsgehorsam ablegen, der ihnen innewohnt, seit sie annehmen, sie und Ihresgleichen hätten das Sagen. Das haben sie und Ihresgleichen durchaus nicht, da sie abgelöst wurden. Nun schauen sie bunt und wirr aus der Wäsche und suchen den Feind. Das macht Mut und wird endlich auch fruchten. Nur dauert das. Einstweilen winken die teilautorisierten Schelme neue Ungeheuerlichkeiten durch. Es muß um Milliarden gehen, sonst ist das Problem nicht groß genug, um es sozusagen lösen zu dürfen.
Noch einmal, bringt Glück
Efeuranken
Das Denken soll sich nicht einkapseln müssen. Es soll frei sein und sich äußern. So gerät es gut an die Gegner, derer es bedarf, um sich prüfen zu können. Für ein offenes Feld der Debatten und des fröhlichen Sprechens. Die Verkrustungen brechen auf. Nimm die Axt aus dem Mund. Das Eis schmilzt bereits, es wird Frühling und heute ist Vollmond. Wärmen wir uns am Feuer unserer unterschiedlichen Auffassungen, streiten wir wie lustige Hähne. Wir sind hier, um Freude zu empfinden. Wir sind hier, um unser Leid mitteilen zu dürfen. Erhobenen Hauptes verlassen wir den Tag.