Hypotaxe

Mit den Jahren und den erlittenen Schiffbrüchen lernen wir uns vielleicht ergänzen, die wir aufeinander bezogen sind wie Abhängige eines sehr großen Spiels, des größten, das wir kennen, und das sogar uns zu benötigen scheint, um stattfinden zu können, wie immer wir uns zu ihm stellen oder es uns zu sich stellt.

Hypotaxe

Aus dem Zusammenhang 349

„Mütter ertragen alles. Ein Kind, das auf die Welt kommt, reißt als erstes seine Mutter entzwei. Es reißt sie von innen heraus auseinander. Hervor kommt ein Leben, das vollkommen von ihr abhängig ist. Es braucht Nahrung, Wärme, Trost, Schutz. Das Kind spricht eine Sprache, die nur aus Schreien und Wimmern und gerunzelter Stirn besteht. Und die Mutter versteht diese Sprache im selben Moment. Die Mutter wird verschlungen und angetrieben von einer Liebe, die unbeschreiblich ist für jene, die sie nicht verspürt haben. Es sind nicht die Schmetterlinge der Verliebtheit, es ist der Instinkt der Liebe.“

1883, S2 E5

Aus dem Zusammenhang 349

Das ist unerwartet viel

Es gibt Häuser, die sind schön, aber man möchte nicht in ihnen wohnen. Ebenso Städte oder Länder. Je älter ich werde, desto weniger beziehe ich die Begebenheiten auf mich. Vielmehr gebe ich mir umgekehrt Mühe, sie auf irgendeine Weise doch noch auf mich beziehen zu können, und dies nur, um sie spüren und in Fühlung zu geraten. Denn was ich nicht fühle, kann ich nicht tun. Die Gedanken tun gute Dienste, sie ordnen, ebnen und rechtfertigen. Gewiß tun sie das und gewissenhaft. Doch die Gefühle, man nennt sie Emotionen, sind schneller und genauer. Die Psychologen wissen das, denn sie sind zuständig für die Kontrolle des vermeintlich Unkontrollierbaren. Ließe man mich oder könnte ich mich lassen, ich entwiche nicht sonstwohin, sondern bliebe exakt hier und lebte exakt so, wie ich lebe. Immerhin so viel Zutrauen zu mir selbst habe ich im Laufe der Jahre gewonnen.

Das ist unerwartet viel

Die Macht der Forelle

Was wäre denn das für eine bescheidene Politik, die dazu führte, daß sich Gräben innerhalb der Familien und der Freundeskreise auftun und sogar Bekannte und Nachbarn voneinander abrücken? Man hieße sie nicht integrierend, sondern gegenteilig. Eine solche Politik haben wir erleben und erdulden müssen und zählen nun innerhalb unserer Reichweite die Opfer. Daß es so kam, wie es gekommen ist, ist nicht schicksalhaft, sondern Ergebnis von Entscheidungen auf höherer Ebene. Was reitet die Leute auf höherer Ebene (wie hoch sie auch sei), solche Zerwürfnis, wenn nicht anzuzetteln, so doch billigend in Kauf zu nehmen? Gesinnungs- versus Verantwortungsethik. Nein, solche Antinomie hilft nicht. Etwas Neuartiges ist über uns gekommen, und wir zappeln und fuchteln hier herum wie Fische in einem Gewässer mit geringem Sauerstoff. Man hört das Klatschen der sich in Entbehrungskrämpfen aufbäumenden Körper.

Die Macht der Forelle

Aufregen und abregen

Man kann an den Zufall glauben wie an einen Gott. Umgekehrt funktioniert das nicht. Wer bei Gott an Gotteskrieger denken muß, weiß die Potenzen einzuschätzen. Dasjenige, was nicht gewußt werden, übertrifft bei weitem jenes, das einstweilen als gesichert gelten kann. An dieser Stelle vertun sich die Freunde der Wissenschaften, zu denen ich mich auch zähle, nur daß ich mich nicht vertun möchte. Ein verquerer Ehrgeiz, ich weiß schon. Ich habe ihn entwickelt, um mir einen Weg aus der sogenannten und gut benannten kognitiven Dissonanz zu öffnen. Mich interessieren die Irrtümer unserer Zeit mehr als ihre Gewißheiten, schlimmer noch: ich erkenne in den Gewißheiten von heute die Irrtümer von morgen. Sie wirken matt und leuchten fahl. Stellt jemand den Strom ab, sind sie futsch.

Aufregen und abregen

Man sagt, instinktiv

„Hier was, da was“, kommentierte mein Bauerngroßvater Trubel jeglicher Art. Ich erinnere mich daran, daß es kratzte, wenn ich seine Wangen streichelte. Ich saß auf seinem Schoß, wir waren beide stolz aufeinander. Sein Blick war voller Güte, er würde mich halten und schützen. Anders als seine Frau, die ich fürchtete, da sie mich nicht sein ließ, wie ich war. Bereits ein Kind weiß sehr genau, was es ist und was nicht. Nur deshalb vermag es sich zu schützen, notfalls durch Trotz, gegebenenfalls durch Flucht. Und noch heute spüre ich auf der Stelle, wohin ich mag und wohin nicht.

Man sagt, instinktiv

Unter einem reißt die Straße durch

Als es losging mit der C-Angelegenheit und das Leben in der Stadt doppelt anstrengend wurde, hatte ich Sehnsucht nach dem Außerhalb und dachte ernsthaft darüber nach, mir das erste Mal in meinem Leben ein eigenes Automobil zuzulegen, einen Gebrauchtwagen. Als ich probefahren wollte, sprang das Auto nicht an. Ich nahm das als Zeichen und verzichtete, obwohl die Besitzerin mir gewogen war und einen guten Preis gemacht hätte. Mittlerweile ist sie tot. Auch die alten Zeiten sind tot. Früher fuhr ich oft mit dem Auto, ich fuhr gern. Vor allem war ich per Anhalter unterwegs, kreuz und quer. Etwa zwanzig Jahre lang, die erste Tramptour mit fünfzehn, die letzte mit siebenunddreißig. Auch längst vorbei, jedoch nicht vergessen. Ich vermisse die Tramper an den Straßenrändern, den Kreuzungen und auf den Rasthöfen. Manchmal ist es, als hätten alle zu viel Geld oder zu viel Komfort oder beides zur falschen Zeit. Ich bin mir nicht sicher. Ich hätte damals gern mehr Geld gehabt. Aber hätte ich es gehabt, hätte ich nicht die Fahrten gehabt in fremden PKWs oder LKWs mit Leuten, die ich weder vorher noch nachher je wiedergesehen habe, mit denen ich aber eine paar Fahrtstunden teilte in eine gemeinsame Richtung, denen ich jeweils dankbar war und mit denen ich sprach, so gut ich konnte. Eine Menge Geschichten sind das. Man lebt ewig und drei Tage.

Unter einem reißt die Straße durch

Sonnenkinder

Ein weiterer Sonnentag in der langen Reihe der Tagesschönheiten. Ruf der Landschaft, lockend und klar. Auch wenn es ein wenig frevelhaft sein mag, wünsche ich mir ausgerechnet heute ein Automobil, um motorisiert hinauszubrausen ins weite Land. Wohin ich führe, wäre unwichtig; es würde erst wichtig während der Fahrt. Vermutlich wählte ich eine Richtung, in die ich noch niemals fuhr. Ich miede die Autobahnen und bevorzugte die Landstraßen, insbesondere die schmalen, die durch Wälder zu Ortschaften führen, in denen die Märchen ersonnen wurden in langen Winternächten. Daß auf den Dächern statt Wetterhähnen die Satellitenschüsseln sitzen, störte mich kaum. So läßt man sich neuere Geschichten erzählen. Statt dem Lockruf zu folgen, muß ich zur Arbeit fahren, und da die Verkehrsbetriebe streiken, dauert es länger, bis ich dort bin. Das ist nicht schlimm, ich habe ein Buch dabei.

Sonnenkinder