Mahlstein

Wir leben in schwieriger Zeit, im Kopf dampfen und schäumen die unlösbaren Probleme. Das Herz schlägt leise ermattet im Gleichklang der Phrasen von Propaganda und Gegenpropaganda. Gut gegen Böse, nichts dazwischen. Kriegslogik. Dazwischen nur der leise rieselnde Quarzsand der ewig verrinnenden Zeit. Wie trostlos die Schlachtfelder liegen entlang der Linien durch Heide, Feld und Wald. Kampfdrohnen kreisen über den Absolventen des schaurigen Scheiterns.

Mahlstein

Innenaußeninnen

Das Leben spiegelt sich in Texten oder findet sich in ihnen widerspiegelt. Das ist falsch. Die Texte versuchen, sich im Leben zu spiegeln. Auch das mißlingt. Sie bleiben getrennt. Manchmal werfen sie sich Tennisbälle zu, von einem Hof in den anderen. Nein, das ist ebenfalls falsch. Das Leben wirft nicht mit Bällen, das besorgen die Menschen. Überhaupt sind sie recht bedürftig. Das spüren auch die Tiere. Nichts Fremderes in der Natur als der Mensch. Wenn einer von ihnen über Natur spricht, denkt er, sie sei draußen.

Innenaußeninnen

Was man von Anfang an weiß

Ich habe versprochen, daß es hart wird. Nun ist es das. Morgens noch hochfliegend (positive Nachrichten ausstreuend), mittags schon matt und lädiert, abends demoralisiert bis zur Auswechslung. Nimm mich aus dem Spiel, Trainer, bitte! mit mir wird das nichts. Frühjahr schneidet bis auf die Knochen, dazu dieser entsetzliche Optimismus der Frühblüher. Die zarten Linien geöffneter Kelche, als müßten die Porzellanmaler ein weiteres Mal noch studieren, um ’nach der Natur‘ zu arbeiten, bei eisigen Winden. Die Tapferkeit dieser kleinen Gewächse, während ich bereit bin für die Abfuhr. Es ist schrecklich schön unter Menschen.

Was man von Anfang an weiß

Hymne: halb Klage, halb Frage

Man muß erstmal dahinter kommen, daß Bedeutsames geschieht – man selbst nicht unwesentlich ist, wie es suggeriert wurde; daß die Begegnungen wichtig sind, daß sie zählen, daß sie wert sind; daß man selbst niemals nichtig ist, daß es vielmehr wichtig ist, sogar entscheidend, wem wir begegnen und wann und, mag sein, wo. Ort und Zeit finden zueinander, wenn Wichtiges sich zuträgt. Selten weiß man sogleich, was dieses oder jenes bedeutet, es braucht auch Zeit, solches zu verstehen; oft sind es Jahre oder dauert in die Jahrzehnte. Nehmen wir einander nicht als Banalität. Erachten wir uns selbst, falls möglich, nicht als zufällig. Das bedeutet nicht, daß wir damit bereits besitzen, wonach wir uns sehnen. Manche sprechen recht schnell von Bestimmung und Schicksal. Diesbezüglich soll man skeptisch sein, doch das Thema ist berührt und zieht wunderschöne Fragen auf sich. Ihnen zu folgen kann eine Lust sein. Wer sagt denn, daß wir genug wissen.

Hymne: halb Klage, halb Frage

Trödler

Man hat Dada verlacht und verehrt. Ein Klamauk, mag sein. Aufstand der Dinge und der sprachlichen Laute gegen ihr Zugewiesensein in Eindeutigkeit. Dann kam der Weltkrieg. Der menschliche Geist rotiert, wenn er sich der Wirklichkeit nicht mehr sinnvoll zu verbinden weiß. Es kommt zu Ausfällen und Irrsinnsattacken. Der Preßdruck auf das vereinzelte Bewußtsein steigert sich ins Unermeßliche. Endlich kommt es zu Entladungen, die nicht selten politisch instrumentiert sind.

Eine alte Wette aus den Nullerjahren lautete: Laß uns schauen, wer in welcher Reihenfolge als erstes, zweites und weiteres die Nerven verliert. Damals waren wir naiv, heute sind wir es nicht mehr so sehr. Einige der Gestalten aus jener Zeit sind längst tot, Kreuzberg hat sich systematisch vernichtet. Laufe ich dort lang, das kommt vor, muß ich halb lachen, jedoch nicht weinen. Deshalb nicht weinen, weil es schon damals schrecklich war.

Ich halte nichts von Reservaten. Man kann Dada machen, aber anschließend macht man nicht mehr Dada. Eine Aktion ist irgendwas zwischen Verzweiflung und Selbstpreisgabe. Doch ich mag die Kerzen, die von zwei Enden her brennen. So geht es schneller und heller zuende.

Trödler

Die ewigen Spiele der Kinder

Als Kinder erfanden wir uns eine eigene Sprache und hüteten sie eine Zeitlang. Dann war das vorbei, ein Neues begann. Wenn ich in unserer Sprache nicht mehr weiter weiß, erdichte ich mir eine. Das Umfeld zeigt sich irritiert, jedoch nicht allzu sehr. Man scheint mich zu kennen. Oft denke ich nach über ein Wort wie Baum und frage mich, wie ich das, was mit Baum gemeint ist, benennen würde, wenn alles möglich wäre, also recht zu Beginn des sprachlichen Geschehens. Eine Art Spielerei, ich weiß. Ja klar, ich spiele mit Sprache, aber sie auch mit mir – indem sie mich läßt.

Die ewigen Spiele der Kinder