Allgemein
Zerquetschter Sonntag
Es regnet wieder. Die Tropfen klopfen auf das Zinkblech der Fensterbank. Erlösender Regen, ich atme durch. Den Tag in Bedrücktheit verbracht durch die gestrige Fahrzeugattacke mit vielen Verletzten und einer Toten auf dem CSD. Mittlerweile wurde der Täter, so lese ich, gestellt und erschossen. Was geht in jemandem vor, der mit einem Transporter in eine Menschenmenge rast. Ist das eine Frage. Ich habe keine Fragezeichen mehr, sind ausverkauft. Gestern am Nachmittag sprachen wir noch über die eigenartig angespannte Situation, ich äußerte meine Befürchtung, daß es schlimm zu werden drohe, wenn die auseinanderdriftenden gesellschaftlichen Kräfte nicht zueinander finden. Am schlimmsten wird es, wenn eine Gruppe sich für gut setzt und aus solcher Selbstbevollmächtigung die Lizenz ableitet, andere zu drangsalieren oder schlichtweg auszuschalten.
Wiederannäherungen 1
Lich
Es gibt eine Schaufigur unser selbst. Diese Figur ist das Wappenschild unserer Würde, die sich darin bewahrheitet (ausdrückt), wie wir auftreten. Wir leben und experimentieren in ein Wunschbild hinein, das wir geschaffen haben mit Hilfe unserer Freunde und Feinde, der Familie und Bekannten, Fremden sogar. Auf solche Weise sind wir unterwegs. Dieses Wunsch- oder Fremdbild korrespondiert unaufhörlich mit der Schaufigur, und diese beiden unaufhörlich mit einer Instanz, die nicht benannt, jedoch die maßgebliche ist. Wer bist du wirklich? fragen Menschen, die spüren, daß du dich verstellst. Eigentlich bin ich … antwortest du. Wirklich, eigentlich, wesentlich. Hier liegt der Beginn für die Geschichten des menschlichen Lebendigseins. Daß hier Parolen überhaupt noch vorkommen, liegt an mir. Sie verfolgen mich. Ich werde einen Exorzismus beantragen.
Knüppeldamm
Ich roch an dem Bier, es stank. Ich goß es auf die Straße, wo es verdunstete. Eine Reklamation hätte Aufsehen verursacht. Es sind die kleinen Dinge, die nachwirken. Kniekehlen. Röckchen. Haarsträhnen. Angeklebte Schnurrbärte. Plateausohlen. Fingernageldesign. Haarspraygeruch. Handtäschchen. Schnallen, Ringe, Ketten. Das Farbalphabet und die Geschmackspalette. Ich komme vom Land, seit jeher schon. Dann zog es mich in die großen Städte. Ich zöge weiter nach New York, doch dorthin wollte ich nie. Ich sehe also hier (Berlin), was ich zu sehen bekomme. Ich staune. Instinktiv schütze ich alles, was lebt und sich regt. Es macht mich neugierig. Über Geschmack läßt sich streiten. Ja, das denke ich auch. Wir können uns gegenseitig Geschichten erzählen unserer Herkunft und unseres Wissens.
Hierarchische Flachbauten
Da wir achtsam geworden sind hinsichtlich der einen oder anderen Angelegenheit unseres Lebens und dem der anderen, die wir kennen und lieben, nicht so sehr lieben und vielleicht schon hassen, stellt sich die Frage, was wir mit dem gewonnenen Wissen anstellen – ohne es neuerlich für eigene Machtinteressen zu mißbrauchen. Wer nicht über Macht sprechen möchte, meint sie zu besitzen. – Als ich das erste Mal von Achtsamkeit hörte, mußte ich lachen. Das war ein Trend, es gab Seminare, paar Jahre her. Was macht ihr denn sonst so? dachte ich. – Während ich dies schreibe, spüre ich eine erlösende Müdigkeit, eine insbesondere durch das Thema ausgelöste. – Ah, auch die Nachhaltigkeit hatten sie im Sortiment, die kam vor der Achtsamkeit. Ein forstwirtschaftlicher Begriff mit großer und tiefer Tradition. Es lohnt sich, ihr auf die Spur zu gehen. – Wir leben gemeinsam in irrer Zeit. Mir ist erneut nach Hundert Jahre Einsamkeit. Ich könnte das Buch einmal vorstellen, und zwar so, daß niemand errät, worum es sich handelt (außer um ein literarisches Werk).
Daß man mich erduldet
Ein Hund kam herein, der sah aus wie ein Lamm. Eine Wespe war da, die flog weiter. Jede Menge wollte aus mir heraus. Das täuscht, meistens bin ich ruhig. Mein normales Leben besteht aus Schweigen. Ich lausche der Nacht. Tatütata oder – wie Emile sagte – Lalülala. Er sprach auch von der Wolkenfabrik, als er den Rauch der Schornsteine sah Richtung Treptow. Kinder sind Poeten. Später werden sie Realisten. Wenn sie das wiederum überstanden haben …
Ein schwerer Mond über der Straße nach Süden
In einer nicht oder kaum mehr zusammengehaltenen Welt dreschen alle aufeinander ein oder verwünschen sich. Würde man aufhören, die angeblich politisch Mächtigen für die Verursacher solcher Schräglagen zu halten, statt in ihnen den oder einen Ausdruck der Misere zu erkennen, wäre manches gewonnen. In einem organisierten Gemeinwesen gibt es das zur Verfügung stehende Personal: Leute, die sich nach oben durcharbeiten konnten. Sie sind nicht ursächlich für irgendein Übel, sind selbst Verursachte und handeln als solche. (Damit sind sie nicht aus ihrer Verantwortung entlassen.) Der Zeitgeist erwählt und bestimmt seine dienenden Kräfte. Das ist wertfrei gemeint, es geschieht zu jeder Zeit. Nicht Trump, um populär zu sprechen, ist das Problem, sondern eine Lage, die ihn ermöglichte. Ich muß das nicht eigens auf Deutschland übertragen, jeder versteht.
Die gesamte Familie
Aus dem Zusammenhang 389
„Du erinnerst mich an meine Hunde.“
Corsage [2022]