Nördlich Oslo, damals

Da es nun kalt ist, ausdauernd kühl im Sommer in Berlin, sitze ich nachts am Schreibtisch und entzünde ein Kerzenlicht wie in Winter und Herbst. Ein lebendiges Licht soll wärmen. Ich stoße mich an ‚Schreibtisch‘. Was für ein idiotisches Wort! Dafür ein Ausrufezeichen, so sehr ich Ausrufezeichen meide. Die Nacht ist mild und weit. Ich würde mit Schreibtischen werfen, stünde mir das zu. Einst haben wir das erlebt, Anfang der Neunzigerjahre in Norwegen. Da gab es ein Fest, man hörte die Stimmen der Gäste. Das Haus, in dem sie feierten, lag weit oberhalb der Landstraße, die entlang des Sees nach Norden führte, fort von der Hauptstadt. Plötzlich krachte es, und die Autos bremsten oder wichen aus. Die Feiernden warfen Tische, Stühle, Geräte auf die Straße – von dort oben, wo sie feierten und tobten. In hohem Bogen folgten sonstwelche Gegenstände. Die Straße war kaum befahren, doch die Ansammlung an Hausrat wuchs und wuchs. Was man aus dem Fenster werfen kann, landete dort unten. Die nachfolgenden Autofahrer umkurvten das Ergebnis solcher Ausmistung und fuhren weiter.

Nördlich Oslo, damals

Wo sind wir hier eigentlich?

Urlaub ist Erlaubnis, wir haben das geklärt. In meiner Erlaubnis tue ich dies und das. Zum Beispiel schlafen. Die Träume sind Zugaben. Kürzlich schnitt mir jemand ein Ohr ab. Das gehört dazu. Letzte Nacht erweckte ich die Bücher. Sie sagten: Wir dachten, niemals wieder nimmst du uns wahr. Das findet im Kopf statt. Ich bin auf Bewährung frei. Die Ketten rasseln nicht mehr nach. Andere empfinden solche Tage anders. Mir ist seit den ersten Tagen meines Bewußtseins, als sperrte man mich ein. Ich mich ein? Die Frage ist gut, ich kann sie gar nicht beantworten.

Wo sind wir hier eigentlich?

Zustände, Abfolgen, Hoffnungen

Letzte Nacht war jenes, diese Nacht wohl dieses. Gott, wie beschaulich sich die Menschen halten. Sie halten sich fromm und beieinander, so werden die Schaf-und-Herde-Bilder wahr. Ich folge noch jenen, die sich in solche Beschaulichkeiten nicht zu verkrümeln vermochten. Mir wäre sogar lieb, wenn die Beschaulichkeiten weniger mit Flucht und Abkehr, als vielmehr mit ihrem Gegenteil zu tun hätte.

Zustände, Abfolgen, Hoffnungen

Durch alles hindurch

Alle suchen nach ihrem Glück. Das ist gar nicht schlecht. Wo mag es zu finden sein, wo hält es sich versteckt. Draußen schreit jemand, als schnitte man ihm was ab. In den Augen der See sind wir Abtrünnige. Wir winken in unterschiedliche Richtungen. Die Wolken ziehen hinweg, auch wenn wir sie nicht sehen. Ich habe keine Ahnung, wer wir sind. Doch ich erkenne dich sofort. In Spasmen des Verstehens gerate ich an ein Zwischenziel. Die Reise ist endlos.

Durch alles hindurch

Es ist spät, ich mag schlafen

They’re fucked. Gewiß. Die Verhältnisse hielten nicht. Nach dem Sturz begegnet man Menschen. Ich werde mir meine Menschlichkeit nicht zweiteilen lassen nach Bedarf der Verhältnisse und des Verhaltens der anderen, die sich stark genug fühlen durch Bestärkung aus tausend Kanonen. Morgen bist du der Verlierer, übermorgen ich. Was soll daraus folgen? Ich weiß, was daraus folgt. Wir verstehen, daß man irren und verlieren, verlieren oder irren kann, einstweilen. Wahrheit ist eine Funktion der Zeit – wer sagte das oder soll gesagt haben? Die Primitivität des Menschen angesichts der Überlast der Überlieferungen erscheint fast schon logisch. Blödianismus als kurzfristige Antwort auf Überforderung. Weg mit dem Plunder. In solchem Sinn. Die Geschichte geht weiter, ich habe das stets als Drohung genommen. Derweil wohne ich Familieninterna bei, die man besser nicht hätte verfilmen sollen.

Es ist spät, ich mag schlafen

Krise ist ein Gipfel ohne Kreuz

Man erkennt die Mißgunst, erkennt den Neid, ebenso die Eifersucht (Regungen des Verletztseins. Schlimme Zurückgeworfenheit auf Zustände, die längst überwunden schienen. Rache liegt nahe. Gäbe es Gelegenheit, würde sie genutzt.) Ab solchem Punkt ist Vorsicht geboten. Zwei Möglichkeiten: Man verstellt sich in gefälschter Demut, demonstrativer Unterordnung, genossenschaftlicher/kameradschaftlicher Egalität. Dann fällt es gegebenenfalls nicht auf, lassen die schmorenden Instinkte vielleicht nach, die auf Erniedrigung sinnen. Besser, man verläßt die Zusammenhänge, die auf solches zusteuern mußten.

Krise ist ein Gipfel ohne Kreuz

Tage des großen Hundes

Die Hundstage haben begonnen – bei wechselhaftem Wetter, Regen und Wind, 17°C. Ihnen zugeordnet ist die heißeste Periode des Jahres, und wer Ulrich Seidls Film gesehen hat, 2001 kam er in die Kinos, weiß, daß solche Hitze den Verstand schmilzen läßt, die Begierden lockert und die moralische Hinfälligkeit des Menschen offenbart, nicht nur in Wien. Sinnliches Leben und Streben im gegenständlichen Materialismus – doch machen wir uns hinsichtlich der Begierden nicht allzu fein! Die Haut, der Schweiß, der Geruch. Im Schatten ist es bis zu zwölf Grad kühler. Das wurde gemessen, ich gebe es weiter. Dort, im Schatten nämlich, funktioniert die Sittenstrenge besser.

Tage des großen Hundes