Vorsterben im Labor der Fortschritte

Für ihre literarischen und filmischen Fiktionen opfern die Autoren jede Menge Leben. In den Filmen sterben die Leute am laufenden Band. Es scheint genug von ihnen zu geben. Leute sind nicht kostbar, sie sind wie jedermann. So auch im Krieg um irgendeines der anerkannten Ziele. Autoren des Krieges sind die Götter, die nun, da es Götter nicht gibt, Staatsbedienstete sind oder Meinungslieblinge einer Konjunkturperiode. Auch unter ihnen wird gestorben, non-fiktional. Ob in den Fiktionen beispielgebend vorgestorben wird, läßt sich diskutieren. Daß über sie ein Lernen am Modell statthat, gilt als offenkundig. Sichtbarkeit erzeugt Denkbarkeit, Denkbarkeit suggeriert Machbarkeit.

Vorsterben im Labor der Fortschritte

Abblitzen

Ich bin nun fast schon ein wenig eingeschlafen, entschuldigt sich der Richter der Verhältnisse. Ich höre Ihnen unaufhörlich zu, doch was Sie sagen, geht entweder über oder unter meine Kräfte. Denn Sie sagen sehr viel und zugleich doch recht wenig. Daß Sie etwas wollen, ist offensichtlich und teilt sich mit. Doch daß Sie wüßten, was daraus folgt, erkenne ich nicht. Verzeihen Sie meinen Abschied zu so früher Stunde. Sie finden sicher einen Weg. Dafür wünsche ich Ihnen alles Gute.

Abblitzen

Wildwuchs

Wunderhübsche Winterstarre in einer Phase des Pseudofrühling. Man stellt sich besser tot. Lebenszeichen dürfen ignoriert werden. Weißt du, ich bin indisponiert, du weißt doch. Man knuspert intellektuell an sich selbst herum. Die Balance suchen und hoffen, daß man sie findet. In schrecklicher Schräglage durch die vergangenen Wochen, so auch ich. Verlangen wir nichts voneinander, erhoffen wir wenig. Ich habe versucht, die Wochen zu untertunneln. Es gelang in Teilstücken. Wir sind fertig, der Frühling kann uns abholen.

Wildwuchs

Karlsgartenstraße

Das kleine Mädchen auf dem Fahrradsitz hinter der Mutter nimmt Kontakt auf. „Hallo.“ Ich nicke und sage: „Guten Tag.“ Wir warten an der Fußgängerampel, an der man lange warten kann. Eigentlich wartet dort niemand, wir gehen einfach los, meistens. Jetzt muß ich warten, denn die Kleine erklärt: „Wir können erst los, wenn grün ist. Ich passe auf meine Mama auf.“ Mutter und Tochter tragen Helm. Wir warten gemeinsam, bis es grün wird. Endlich ist es grün, ich zeige auf das Fußgängermännchen. Das Mädchen auf dem Fahrradsitz jubelt: „Jetzt können wir los.“ Sie fahren los, ich bin zu Fuß. „Einen schönen Tag!“ ruft das Mädchen, bevor sie verschwinden. Sie winkt. Ich winke ebenfalls.

Karlsgartenstraße

Aus dem Zusammenhang 316

„Meine Mom kommt mich in ein paar Wochen besuchen und mir graut davor. Ich will ihr einfach irgendwas Gutes erzählen können, und das kann ich nie. Manchmal durchforste ich die Nachrichten nach Horrorgeschichten. Sowas wie Serienkiller oder Kinder, die aus dem Fenster fallen, weil sie von ihren Teenie-Müttern alleingelassen werden, oder diese Frau, die einen Schimpansen als Haustier hatte und den sie sedierte, bevor ihre Freundin kam, aber das Tier hat aggressiv auf das Mittel reagiert und zerfetzte der Freundin das Gesicht. Ich denke, es baut mich einfach auf, wenn ich von all dem Chaos lese, von all den schrecklichen Dingen, die um uns herum passieren, da kann ich so tun, als sei mein Leben nicht so schlimm.“

Expats, S1 E6

Aus dem Zusammenhang 316

Das Rad dreht sich

Aus dem Tagebuch: „Die Depression ist spürbar. Sie lastet bleischwer auf müden Körpern und erschöpften Seelen. Eine lähmende Geistlosigkeit hat die westliche, die östliche und die restliche Welt befallen.“

Aus einem Brief: „Da die allgemeinen, um nicht zu sagen politischen Verhältnisse derzeit derart beschissen sind, daß man immer auf sie verweisen kann, wenn man nicht gerade dem Wetter die Schuld zuschiebt, habe ich mich auf den Humor zurückbesonnen. Auf einen Humor allerdings, der sich der Menschen und ihrer Nöte annimmt, statt über sie hinwegzugehen. Da ich die Regentropfen höre, denke ich, er mag noch bleiben. Es ist eine seltsame Kunst, sich dieser Tage in sich einzurichten. Der Milchschaum des Milchkaffees knistert. Die Zugvögel kehren seit zwei Wochen zurück. Man hört ihre Schreie. Übermorgen ist Vollmond. Es gibt gute Bücher. Ich möchte mir für einzelne Gedanken mehr Zeit nehmen. In Ruhe denken und sprechen und schreiben. Heraus aus den Reiz-Reaktions-Ketten. Im Augenblick verweilen, ihn ausfüllen und in ihm bleiben, bis ein neuer sich anmeldet. Ich möchte die Zeit schmecken lernen.“

Das Rad dreht sich

Indem man es nicht tut

Mir ist, als sei ein Schweigen im Land. Kaum jemand sagt was, man hält still. Ausharren im Status quo, abwarten, Tee trinken, oder Faßbrause. Es rumort draußen, außerhalb von Berlin, jenseits des nächsten Höhenzugs oder der nächsten Flußniederung. Die stille Nacht sagt das. Sie sagt auch, daß etwas geschehen wird, das die Verhältnisse quert und verkehrt. Es muß nichts Übles sein. Natürlich sind das Stimmen in meinem Kopf, doch woher kommen sie? Was vermag ich schon zu verstehen, beurteile ich abfällig diesen nächtlich angemaßten Wächterdienst. Ich weiß aber, daß viele sich Gedanken machen, wie es gut weitergehen kann. Seit vorgestern denke ich darüber nach, was es zu bedeuten hat, wenn alle, die streiten, recht haben. Wie kommt man da heraus, wie wendet man das Blatt? Als stünde auf der Rückseite die Lösung geschrieben. Aus dem Kühlschrank lacht mir jemand zu.

Indem man es nicht tut

Aus dem Zusammenhang 315

„Es ist, wie Sie gesagt haben: Es gab seit meiner Kindheit etwas in mir, daß einfach nur gerettet werden wollte. Und weil ich das verdrängt hatte, habe ich es unbewußt auf Mae projiziert. Aber ich bin hier, und ich bin bereit zu arbeiten, und ich glaube, daß, wenn ich mich genug anstrenge und auf alles achte, daß ich Fortschritte machen kann.“

„Glauben Sie, daß das auf jeden zutrifft? Daß jeder, der sich genügend anstrengt, zu Veränderungen fähig ist?“

„Nun, wenn ich es kann, kann Mae das auch.“

Devil in Ohio, E8

Aus dem Zusammenhang 315