Zwar möchte ich über Frühlingswonne und Tulpenglück berichten und wie der lichte Frühling mich mobilisiert, selbst einmal und unter Schmerzen Eier zu legen, doch die böse Politik versperrt den Weg in die Glückseligkeit aufkeimender Freude. Die „Taurus“-Debatte führt in die Politik-Talk-Show von Markus Lanz, wo die geladenen Gäste sich sicher sind, wie man der Ukraine im Krieg helfen kann und soll. Frieden schaffen nur mit Waffen. Darauf läuft die außenpolitische Logik insbesondere der Grünen hinaus, die ihren pazifistischen Salto mortale innerhalb einer Generation hinbekommen haben. Da wird viel gearbeitet worden sein. Die Frage, wem was nutzt, wird in der Lanz-Sendung nicht gestellt. Dem miesepetrigen Ralf Stegner von der SPD bleibt es überlassen, die verantwortungsethische Sicht des Bundeskanzlers zu übermitteln, was ihm in diesem 1:4-Gremium nicht gelingen mag (redaktionelle Zugangskontrolle). Taurus soll endlich los, verstehen wir jetzt, Taurus wird die drohende Niederlage abwenden. Erneut eine Wunderwaffe, bisher nur in deutscher Hand. Soll sie loskrachen und die Brücke zur Krim zum Einsturz bringen oder sonstwas, damit der drohende Sieger erkennt, daß von jetzt an nicht mehr gesiegt werden kann.
Allgemein
Haare und Wirbel
Das Leben in seinen Vorfrühlingsgeschäften, abwechselnd vor und zurück. Locken und blocken, nichts für nervöse Geschöpfe. Auf den Straßen und Plätzen in Mitte alles voll. Eine größere Demonstration für Palästina zieht am Außenministerium vorüber. Der Himmel ist hoch und blau. An der Museumsinsel hat grau und schwer das Bodemuseum angelegt. Samstagnachmittag in Berlin, ein Sonnentag für Sonnenbrillen. Ich laufe und laufe, Schritt für Schritt, weiß gar keine Richtung, sehe dies und das. „We are ready“ steht aufgesprüht an einem Gebäude am Bethaniendamm. Ich habe das befürchtet.
Kommt
Manchmal spreche ich in meiner Phantasie mit Leuten, die ich kenne. Wir diskutieren, wir tauschen Argumente aus. Ich weiß schon, welche sie vorbringen werden, und kenne meine eigenen. Wie sie zueinander passen könnten, darüber scheine ich nachzudenken. Am liebsten wäre mir, wir gingen miteinander auf in einem Teig aus Gleichgesinnt- und -gestimmtheit. Dann verschmölzen wir und wären wieder eins, ganz so wie zu Beginn unserer gemeinsamen und durchaus idealistischen Lauf- und Lebensbahn. Das wird jedoch nicht geschehen – es sei denn, man träte von sonstwo an uns heran mit ungeheuerlichen Forderungen (von oben), die abzuweisen unsere gemeinsame Pflicht wäre. Doch selbst dann, wer weiß. Ich male mir das nicht aus. Feigheit ist ein Menschenrecht. Es läßt sich rechtfertigen. Vorsicht und Angst stehen bereit. Wer bin ich schon, Leute anzuklagen. Sie sind gut und fehlbar, nicht anders als ich. Doch es ächzt im Fundament, das uns trägt oder tragen sollte.
Gute Nachricht: Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung ist für unbegrenzt langes Leben für alle
Goliath ist gut 2
Die L.A.-Städterin schlägt sich wacker dort draußen in der von Dürre gezeichneten Obstanbau- und Bewässerungslandschaft und lenkt ihren Mini-Cooper halbwegs sicher über den heißen und brüchigen Asphalt der schnurgeraden Verbindungsstraße. Da kreuzt eine Schildkröte ihre Bahn. Die Schildkröte arbeitet sich mühsam und Schritt für Schritt, doch immerhin gepanzert, von einer Seite des Straßenbanketts zur anderen. Das dauert ein wenig. Die Frau im Wagen mit der modischen Sonnenbrille kann bremsen, muß ausweichen und landet am Straßenrand. Ein Reifen ist aufgeschlitzt, die Fahrt endet hier einstweilen. Das war nicht eingeplant. Sicher hat sie Empfang, sicher kann sie Hilfe herbeirufen. Schon kommt ein Motorrad herbeigerauscht. Die Motorradfahrerin steigt ab, ergreift den Körper der Schildkröte, trägt ihn hinüber an den Straßenrand. Das war es. Deshalb hat sie angehalten. Kurz darauf ist sie wieder fort, hat nicht einmal ihren Helm abgenommen.
Wir sehen und treffen uns in der Bar
Wir sprechen nicht darüber. Ist nicht nötig. Jeder weiß, wer was weiß. Wer was weiß, sagt es nicht weiter. Wir verstehen uns. Was war, war. Was ist, ist. Es war unangenehm damals. Man mußte sich entscheiden. Nicht wahr? Man mußte doch. Doch, man mußte. Es war ja klar. Klar war, daß es klar war. Jeder hat es gewußt. Man mußte das machen. Überall wurde gesagt, daß man das machen muß. Also haben wir es gemacht. Ist doch klar. Warum denn nicht. Wenn es klar ist, ist es klar. Man will ja weiter leben und nicht so leben wie die, die es nicht mehr dürfen. Das ist doch kein Leben, wenn man nichts mehr darf, außer Essen einkaufen und vielleicht noch arbeiten. Ist doch klar, daß man das nicht will – so zu leben. Wir sprechen nicht mehr darüber. Es war schlimm. Doch es war richtig. Wir leben ja noch. Es muß richtig sein, auch wenn es falsch gewesen sein mag. Wer weiß, was passiert wäre. Man weiß ja nichts. Niemand weiß wirklich was. Wie also hätte ich wissen können? Ganz und gar unmöglich. Gut, daß es vorbei ist. Gut, daß wir wieder zusammen sind. Gut, daß niemand mehr draußen ist.
Goliath ist gut
Während des großen Corona-Blackouts habe ich Filme und Serien gesehen, Serien und Filme, daß es nur so kracht. Nichts ist geblieben von jenen Streifen und Bildern. Keine Erinnerung, was ich wann gesehen habe. Manchmal schaue ich jetzt irgendwas, es kommt mir bekannt vor, etwas davon oder jemand darin. Dann ahne ich, das ist Blackout-Ware, Gedächtnis-Styropor, Lochstopfmaterial. Verblödungskompensation. Fremden Menschen zusehen, wie sie ihre Probleme nicht gelöst bekommen – welch armseliger Trost. Während ich also hier zuhause herumhing und wartete, daß draußen endlich wieder reine Luft ist, zog ich mir sonstwas in Augen und Ohren. Betäubungsmittel. Ablenkungsmanöver des Geistes, der sofort wußte, daß er unterfüttert ist, und es auch jetzt weiß. Einige der Serien- und Filmtitel müßten weiter unten auftauchen, rollt man hinunter in die Blackouts; ich habe diesen Surrogaten sogar Zitate entrissen, die findet man unter Aus dem Zusammenhang. Zeitraum Mitte 2020 bis Mai 2023.
Goliath: Die große Dürre
Der Hund bringt Beute heim: eine tote Krähe. Er legt sie vor Frauchen und Herrchen ihnen zu Füßen auf dem Teppich ab. Brav gemacht, guter Hund. Plötzlich fliegt der Vogel auf und flattert panisch im Raum herum, touchiert Deckenlicht und Stehlampe, bis die Haustür weit genug offensteht, daß Tageslicht ihm den Ausgang weist. Der Schreck verbleibt einige Atemzüge im Haus, bis Beruhigung eintritt. Was war das denn! Ein böses Zeichen vielleicht? Dem Hund ist nichts anzulasten, er hat sein Bestes getan. Man lebt auf dem Land. Wer weiß, was die Tiere wissen und wollen.
Nicht drängeln, nicht quengeln
Ich in noch gar nicht geboren … denke ich oft. Dabei gibt es eine Urkunde, die Datum und Ort bezeugt. Ich bin hier regulär unterwegs, tue dies und das und habe getan und werde tun. Wenig daran auszusetzen, ein Menschenleben in unserer Zeit, typisch in manchen Dingen, in anderen vielleicht eher nicht. Hängt von den Maßstäben ab, die angelegt werden. Ich bin noch gar nicht geboren … Seit wann denke ich das? Nein, ich fühle es. Als stünde etwas aus, als tappte ich im Dunkeln herum oder nähme von vielem bloß die (falsche) Hälfte wahr. Dann wieder Momente kristalliner Schönheit und konzentrierter Sinnesleistung (ohne Anstrengung), als sei ich inmitten dessen, wofür ein stimmiges Wort nicht gefunden werden kann oder muß. Vermutlich versteht in mir etwas, daß eine zweite Geburt, eine Wiedergeburt erfolgen muß: daß wir zwei- oder dreimal zur Welt kommen, jeweils als Verwandelte. Nichts daran ist zu forcieren, es handelt sich nicht um etwas Sportliches oder willentlich zu Erreichendes. Man wird nicht befördert, trägt keine Rangabzeichen. Manchmal ist mir oder war mir, als sei es bereits geschehen. Dieses Wunder der Wiedergeburt innerhalb des Lebens, bei der stirbt, was aufgegeben werden muß, was überflüssig ist.
Plunderwunder
Der Südwesten Berlins wird unterschätzt. Man unterstellt, daß dort die Reichen und Glücklichen kopfoben zuhause sind. Nun sind die Reichen nicht ausdauernd glücklich, und auch die Wohlhabenden schaffen das nicht. Immerhin können sie Freude stiften. So geschehen am Dienstag, 27. Februar, zur Mittagszeit auf dem Teltower Damm. Da stand ein stahlblauer Lamborghini am Straßenrand geparkt, auf dessen Heckseite ein Aufkleber zu sehen war: I love Jesus. Das „love“ war zeichenhaft durch ein Herz dargestellt. Die Botschaft machte mich lachen, dann nachdenklich. Es gibt eine oberflächlich abwertende Erklärung, denke ich, und eine interessantere, an der ich noch wirken und werkeln muß. Es geht nicht um Geschwindigkeit, das weiß ich bereits, auch nicht um Pferdestärken. Vielmehr um Geld und Besitz und zur Schau gestellten, sagen wir: Luxus. Doch ich möchte das Schöne erkennen. Das Zynische kenne ich bereits zur Genüge. Zynismus ist die ehrliche Seite der Heuchelei.