Rot und blau ergibt blau und rot

Tragödie und Komödie sind einander Vorder- und Rückseite, einer hermeneutischen Drehscheibe gleich oder einer Münze. Kopf oder Zahl: falsch. Kopf und Zahl. Die Gegensätze denken sich nicht zueinander und wissen wenig von ihrer einträglich geteilten Abhängigkeit. Solcher Wissensmangel beschert Probleme in Hülle und Fülle. Auch sonst wollen die Leute sich auf die gute Seite retten oder rechtzeitig ins richtige Boot klettern. Davon leben Reklame und politische Propaganda. Es scheint leicht, die Menschenmengen in Hälften oder Stücke zu reißen, zumal dann, wenn man sie als Gruppenwesen Schlimmstes drohend penetriert, also auf Instinkte und Distinkte zielt. Was ist ein Distinkt? Ein Distinkt ist ein Unterscheidungsmerkmal, das dich auszeichnet und der überlegenen Gruppe zuordnet. Was ein Instinkt ist, lernt man in der Schule, die einen Vorgeschmack aufs Leben gibt. Wer auf einer Beerdigung unvermittelt lachen möchte, versteht mich vielleicht – und während der Witz- und Zerstreuungsnummern schluchzen wollen, fast schon weinen.

Das Tragische im Komischen erkennen, das Komische im Tragischen. Ein Kinderspiel, wenn man erst einmal soweit ist. Manchen ist es ein Bedürfnis, dorthin zu gelangen, anderen erscheint es als Sakrileg und unstatthafte Vermengung der Stil- und Ausdruckshöhe. Ich bin kein Operettentyp und schluchze nicht bei Opern. Faust möchte ich zur Seite nehmen, Zarathustra trösten. Die Kriege öden mich, mir fehlt die Begeisterung für Opfertum und Ideale. Man muß ein wenig eng sein im Kopf, um zielen zu können auf den einen und einzigen Feind. Ich weiß auch, daß die rivalisierenden Parteien mich gewinnen möchten. Allerdings wissen sie nichts von mir, sie zielen auf mich als auf Martin Mustermann, den Mann von Monika. Sie ist die Frau, die alle kennen; sie ist die Frau, die sich ausweisen kann. Es wird noch lustig werden und erneut traurig. Sie tanzen miteinander.

Rot und blau ergibt blau und rot

Von dort nach hier

Keine Rückwärtssehnsucht, ohne Reue. Das Vergangene anerkennen, nicht eigens vergolden. Aus dem Rückblick ergibt sich der Weg. Nach vorn herrscht zauberhafte Unwissenheit. Da die Pläne scheitern werden, verzichte ich darauf. Solcherart mag ich nicht wirtschaften. Ohne die geringste Ahnung, wo ich in einem, drei, fünf Jahren sein werde, nicke ich mir skeptisch aufmunternd zu und sage: Du bist schon so einer. Was denn für einer, frage ich gar nicht erst. Weitere Wege durch den Großen Garten beschreiten, über Nattern steigern und den Geiern winken, die heiße Stirn mit einer Handvoll klarem Wasser kühlen. Schmaler werden, mich transzendieren. Wie man das macht, verrate ich später. Ich übe noch.

Von dort nach hier

Zum Geburtstag

Dank in Richtung des verwandten Unbekannten, einen guten Gruß hinzu, fast schon spöttisch. Warst du es nicht, der Sorgen trug, daß wir uns nicht verdummten, nicht überfräßen, nicht an uns rissen das Billige und Gefällige. Das sind keine Fragen, denn du bist tot. Ein Glas auf dich, mögest du leben. Was aus uns wird, wenn wir hier nicht länger gebraucht werden, wird auch mir sich weisen. Ob es ein Jenseits gibt … Herrgott, warum sollte es? Haben wir hier denn nicht ausreichend Zeit und Raum und Gelegenheit, was soll denn dort noch kommen. Vielleicht braucht, wer es hier nicht schafft, jenes Dort. Ich wüßte jedoch nicht einmal, was es zu schaffen gilt. Ich bin weit hinter Nietzsche zurück, der im Zarathustra darzustellen versucht, was es mit dem „Sinn der Erde“ auf sich hat.

Zum Geburtstag

Funkenflug

Noch Lagerfeuergeruch in den Kleidern. Am Feuer finden Gespräche statt, die anders taugen als solche am Verhandlungstisch. Mit Romantik hat das nichts zu schaffen, sondern mit der Herkunft des Menschen aus unbezwingbarer Kälte. Daß Feuer auch vernichtend wirken kann, illustriert beiläufig den Unterschied von Gebrauch und Mißbrauch. Ich rieche an den Klamotten und bin noch einmal dort, wo sich besser sprechen ließ als sonst.

Funkenflug

Verbunkerung

Die Hoffnung scheint zerstört. Ein Wort wie Krisenmanagement taucht wieder auf und bleibt. Nicht nur die Korridore werden schmaler, auch der Horizont verengt sich auf die Sichtmaße eines Sehschlitzes. Befallen von bösen Ahnungen verleben die Bürger ihren kollektiven Advent. Es soll gut ausgehen, besagen die Gebete. Doch für wen? Daß wir in der besten aller Welten leben, ist vorausgeschickt. Wer nichts mehr hofft, befestigt sich im Bestehenden. Die Diskurse sind entgleist, niemand bringt oder zwingt sie zurück in die Spur. Das Dagegen fällt schlimmer aus als das Dafür – oder umgekehrt. Im Spiegelkabinett lauter Fratzen. Es gibt noch Musik, weiter hinten in dieser Anlage ist ein Café, da wird noch getanzt. Gehen Sie dorthin, ich sehe Ihnen an, daß Sie dort gut aufgehoben sein könnten. Eines Tages dürfen wir wieder hinaus.

Verbunkerung

Unter Freiern

Das Läppische. Ein Beispiel: Ich trage hier etwas ein, und keine zwei Sekunden meldet das System, ich hätte einen dreitägigen Lauf. Mich verfehlen Meldungen solcher Art, da die Quantitäten wenig besagen. In Quantitäten lassen sich Qualitäten unzureichend beschreiben. Ob das ein Trost ist, weiß ich nicht. Wer eigen denkt und selbst Entscheidungen trifft, möchte sich unabhängig halten vom Zuspruch anderer. Sich gänzlich dagegen zu wappnen wäre falsch, doch ein bißchen Eskapismus kann nicht schaden. Es wird Winter, da lockt die Blockhütte.

Unter Freiern